Inflation der Wahrheit: Kapitalismus braucht Armut!
Artikel aus dem GegenStandpunkt 03/2005
Heute werden die Menschen mit ökonomischen Wahrheiten zugeschüttet, dass einem schlecht werden könnte. Die Frechheit, mit der Magazine und Features davon künden, dass die Wirtschaft nur funktionieren kann, wenn die Arbeitskräfte dem Hunger nahe sind, verrät nämlich vor allem eines: Die Autoren haben keine Scheu, eine Wahrheit auszuplaudern, die eigentlich das stärkste Argument gegen die famose freie Marktwirtschaft ist. Sie erläutern ihren Publikum fröhlich die Unverträglichkeit seiner Lebensbedürfnisse mit den Erfolgsbedingungen des Kapitalwachstums und geben sich dabei nicht die geringste Mühe, ihm zu erläutern, warum es sich vom Standpunkt seiner Interessen aus für dieses Wachstum begeistern und hergeben sollte. Die Volksbelehrungen argumentieren nicht für den Kapitalerfolg, sondern mit seinen Erfordernissen - und verlangen von ihren Adressanten, ohne weiteren guten Grund, diesen Erfordernissen die eigenen zu opfern. Die Autoren erinnern schlicht daran, dass der Normalbürger nun einmal vom Kapital abhängt und keine Wahl hat. Jedenfalls haben keine Sorge, dass er die Botschaft der Unvereinbarkeit einmal nicht als unwidersprechlichen Imperativ zum Zurückstecken, sondern als Auskunft über ein System verstehen könnte, das ein anständiges Leben für ihn weder vorsieht, noch verträgt.
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