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12.10.06

Die neueste "Große Gesundheitsreform"

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 9. Oktober 2006
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 11. Oktober 2006

Wie bei möglichst geringen Lohnnebenkosten mit der Volksgesundheit ein gutes Geschäft gemacht werden soll – Die Betreuung eines politisch ins Werk gesetzten Widerspruchs

Seit Jahrzehnten wird im deutschen Gesundheitswesen reformiert: Zur Kostendämpfung wurden Praxisbudgets, Arzneimittelfestpreise und Fallpauschalen im Krankenhaus erfunden. Insbesondere für die Kranken halten diese Reformen immer neue Zumutungen bereit: Zuzahlungen bei Medikamenten und Zahnersatz, Praxisgebühren und laufend steigende Beiträge. Allerdings führt all das Reformieren zu keinem Ergebnis, das wenigstens die Regierenden befriedigen würde. Im Gegenteil: Die große Koalition will wieder einmal „das Gesundheitssystem von Grund auf ändern“. Doch das Resultat ihrer ganzen Bemühungen löst schon wieder ein einziges Gejammer aus: eine „Chronik des Totalversagens“ konstatiert der Spiegel, die Süddeutschen Zeitung schimpft über „den fehlenden Mut der Koalitionäre“ und der ehemalige Gesundheitsminister der CSU orakelt, dass „die Reform keine 2 Jahre halten werde“.

Woher rührt bloß diese ganze Unzufriedenheit? – Das liegt zunächst einmal an der 1. Korrekturmaßnahme der Koalition: Beschlossen wurde die Erhöhung der Kassenbeiträge für 2007 um 0,5 %. Es wird also wieder einmal der Beitrag erhöht, um „Löcher im Krankenkassenbudget“ zu stopfen. Natürlich ist für die Reformer dabei nicht das Problem, dass der beschlagnahmte Lohnanteil das Nettoeinkommen der Lohnabhängigen schmälert, sondern dass die Lohnkosten durch die Sozialabgaben verteuert werden – und das wegen des 50%igen Arbeitgeberanteils auch noch mit jeder Steigerung der Krankenkassenbeiträge automatisch. Gerade in Zeiten, in denen infolge von Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen das Beitragsaufkommen der Krankenkassen immer weiter schrumpft, soll eigentlich vermieden werden, mit Erhöhungen der Beitragssätze das Minus beim Beitragsaufkommen zu decken. Die Politik will die Kosten der Arbeit schließlich senken, um dadurch den Wirtschaftsstandort zu stärken und den Einsatz von Arbeit in Deutschland für Unternehmer lohnender zu machen.

Doch die Senkung der Lohnnebenkosten für Unternehmer und der aus Steuern finanzierten Ausgaben hat auch eine andere Seite: Der Finanztopf der Krankenkassen ist die Grundlage für das Geschäft einer blühenden und auf Wachstum angewiesenen Gesundheitsbranche. So weiß der Spiegel zu berichten: „Längst ist die Gesundheitsindustrie der mit Abstand größte Wirtschaftszweig der Republik.“ (27.06.06)

Angesicht massenhafter Erkrankungen durch Verschleiß am Arbeitsplatz sowie die Vergiftung von Umwelt und Nahrungsmitteln im Sinne der profitablen Nutzung von Land und Leuten durch die Unternehmerschaft hat der deutsche Staat es sich von vornherein zur Aufgabe gemacht, die Herstellung und bedingte Erhaltung der Brauchbarkeit seines Arbeitervolks selbst zu organisieren. Und zwar gleichzeitig als rentable Wirtschaftssphäre, deren Wachstum seitdem vor allem aus den Mitteln der Krankenkassen finanziert wird. Das Resultat ist ein medizinisch, technisch und pharmakologisch hoch entwickeltes Gesundheitswesen, das gesundheitspolitische Vorgaben und kapitalistische Geschäftszwecke gleichermaßen zu erfüllen hat. Das staatliche Medizinwesen hat sich deswegen, bei aller gebotenen Sparsamkeit, keineswegs grundsätzlich für die „billigste Lösung“ entschieden. Vielmehr hat sich der Staat mit so viel Geld, wie er dafür gerade für nötig hält, gleichzeitig zum Förderer, Geldbeschaffer und Aufsichtsführenden für und über die florierende Gesundheitsindustrie gemacht. Nicht nur die Pharmakonzerne bedienen sich aus dem Topf der Krankenkassen; auch die Geräteindustrie und die ständisch-kleinunternehmerisch praktizierenden Apotheker und Ärzte sollen sich bereichern dürfen.

Mit eben dieser Organisation des Gesundheitswesens hat sich die Politik das „Dauerpro­blem“ geschaffen, an dem sie voller Eifer herumreformiert. Sie hat zwei einander ausschließende Standpunkte in die Welt gesetzt, an deren Vereinbarkeit zu arbeiten, sie nicht müde wird:

  • Auf der einen Seite gilt das unverrückbare Dogma, dass zu hohe Lohn- und -nebenkosten hauptverantwortlich sind für die Konkurrenzdrangsale des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Die Beitragssätze, die den Lohn teuer machen, müssen also sinken. So entstehen die – mühsam herbeiregierten – „knappen Kassen“, die wiederum ganz „natürlich“ erfordern, dass bei den „Leistungen“ gespart und mehr Konkurrenz zwischen allen Leistungserbringern organisiert wird.
  • Andererseits sind aber die Beiträge die Ressource, aus der die Waren und Dienstleistungen der gesamten Gesundheitsbranche versilbert werden. Diese Branche hat wie jede andere ein Recht auf Wachstum, das ihr die Hüter des Standortes auch keinesfalls bestreiten wollen. Ganz im Gegenteil: Das hochmoderne deutsche Gesundheitswesen und seine zuliefernden Industrien, sollen nicht nur den nationalen, sondern am besten gleich den ganzen Weltmarkt bedienen und, soweit möglich, „beherrschen“, damit ihre Geschäfte die nötigen Renditen abwerfen.

Dieser Widerspruch ist seit jeher der Gegenstand der Gesundheitspolitik im Kapitalismus. Sie erfindet immer neue Konstrukte, die die Vereinbarkeit der beiden gegeneinander stehenden Imperative bewerkstelligen sollen. Dabei tritt z. B. die Senkung der Lohnnebenkosten, also die Kürzung des Beitragsaufkommens, in Gegensatz dazu, dass wegen der bedeutsamen Geschäftserfolge der Gesundheitsindustrie nicht weniger Geld verfügbar sein darf. So erzeugen Entscheidungen für eine Art, den Widerspruch zu vereinbaren, fortwährend neuen Handlungs- und Reformbedarf. Das Resultat sieht in der neuesten Fassung ungefähr so aus:

Weil der Lohn die Finanzierung der Krankheitskosten nicht mehr hergibt, also die Einnahmeseite Not leidend wird, suchen die Reformpolitiker nach neuen Finanzierungsmethoden, denn irgendwo muss das Geld ja herkommen, mit dem die Gesundheit und damit die Brauchbarkeit des Volkes gepflegt werden soll und das andererseits eine volkswirtschaftlich so verantwortungsvolle Aufgabe hat. Dazu wird als „Eckpunkt“ der „Jahrhundertreform“ ein Gesundheitsfonds erfunden. In der Debatte ist darüber hinaus, dass der Gesundheitsfonds nicht nur die Kassenbeiträge einsammeln, sondern zusätzlich mit Steuermitteln und Solidarbeiträgen der Privatversicherungen bestückt werden soll. Neue Quellen über die Abzüge vom Lohn hinaus sollen so zur „Verbreiterung der Finanzierungsbasis“ der Krankenversicherung aufgetan werden, die aber nicht durch weitere Beitragsaufschläge die Lohnkosten für die Kapitalisten verteuern sollen: Mehr Geld muss „ins System“, aber das darf den Zug zum Niedriglohn nicht aufhalten, weshalb die Gesundheitskosten „vom Lohn entkoppelt“ werden sollen. Es soll also Schluss sein mit dem Automatismus, dass steigende Beiträge zum Gesundheitssystem immer auch gleich über den Arbeitgeberanteil die Lohnkosten steigern. Das ist das ganze Geheimnis der viel zitierten „Verbreiterung der Finanzierungsbasis“ für die gesetzlichen Krankenversicherungen.

Uneinigkeit herrscht innerhalb der Koalition und der Parteien über das Ausmaß, das diese „Verbreiterung“ annehmen soll, wer also außer den Lohnempfängern künftig mitzahlen soll:

  • Die SPD will mehr Besserverdienende in die gesetzliche Krankenversicherung zwingen und nimmt dafür sogar die Beschädigung eines ganzen Geschäftszweigs der Versicherungsbranche, der Privaten Krankenversicherung, in Kauf.
  • Die C-Parteien setzen auf mehr Steuermittel für den Gesundheitsfonds. Diese Mittel sollen z. B. in Form eines „Gesundheits-Soli“ erhoben werden, der den Massen das Geld, das man braucht, als Steuer abnimmt. Dafür wird die PKV geschont, die doch ein ordentlicher „Wirtschaftsfaktor“ ist. Die gesetzlich Versicherten würden dann die Erhöhung ihrer Kassenbeiträge künftig als Steuererhöhung zahlen, was für sie auch nicht billiger wäre, aber die Lohnsumme nicht erhöhen, sondern „nur“ ihren Nettolohn senken würde.

Die politisch verantwortlichen Reformer bewahren sich in dieser x-ten „Jahrhundertreform“ nicht nur die Kompetenz, die Höhe des Beitrags an die Kassen festzulegen. Als die Manager des Gesundheitsfonds entscheiden sie auch darüber – auch wenn sie über Details noch munter streiten –, wie viel an Steuer- und anderen Mitteln sie einfließen lassen wollen, um so ganz souverän darüber zu bestimmen, auf welche Seite des von ihnen gestifteten und verwalteten Widerspruchs sie sich gerade mehr schlagen wollen:

  • Kosten sparen bei der Betreuung der Volksgesundheit; oder
  • Kosten decken auf Kosten von Beitrags- und Steuerzahlern; oder
  • die Einnahmen der Kassen wachsen lassen – auf Kosten der stets zu knappen Mittel des Fiskus,
  • oder sogar, wie für 2007 geplant, den Beitragssatz, also die „Lohnnebenkosten“ erhöhen.

Ein „verbessertes Gesundheitswesen“ – samt all den Geschäftsgelegenheiten, die es bietet – kostet eben auch etwas – dies ist die negative Seite des Widerspruchs –, aber – dies dessen positive Seite – diese Kosten leisten immerhin einen Beitrag zum deutschen Wirtschaftswachstum. Unter dem strengen Gebot der „Kostensenkung“ soll gleichzeitig das Geschäft mit der Medizin am Laufen gehalten werden und sogar wachsen dürfen. Wie das geht? – Da hilft ein weiteres Axiom nicht nur dieser Reformabteilung: Die beste Gesundheitspolitik ist die, die den Prinzipien des Geschäfts auf dem Feld des Gesundheitswesens noch stärker Bahn bricht. Das führt zu einer nicht besonders erfindungsreichen Diagnose, die auch schon das ganze Therapieprogramm beinhaltet: Die mangelnde Konkurrenz im Gesundheitswesen soll Grund allen Übels sein, mehr Wettbewerb soll alles billiger machen.

Von wegen also „Totalversagen“: Die Reformvorhaben sind die Fortsetzung der Politik, die widersprüchlichen Zielsetzungen des Gesundheitswesens im Kapitalismus vereinbar, also politisch „praktikabel“ zu machen: Der Widerspruch zwischen stets kostenbewusster Wiederherstellung der Bürger und einer dafür dienlichen wachstumsorientierten und konkurrenztüchtigen Gesundheitsindustrie auf Weltniveau wird zeitgemäß gesundheitspolitisch fortentwickelt.

07.10.06

Vor dem Eintreffen der Bundesmarine an der nahöstlichen Front...

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 2. Oktober 2006

Ein Rückblick auf Grund und Ergebnis des Krieges Israels gegen den Libanon und das deutsche Interesse daran

Deutschland schickt die Marine nach Nahost. Politiker aller Couleur feiern dies als „historische Stunde“. Worum geht’s eigentlich bei diesem Einsatz?

Gemäß dem Auftrag der UNO soll der Frieden zwischen Israel und dem Libanon gesichert werden, das heißt zunächst einmal: das Kriegsergebnis. Denn die israelische Armee hat Fakten geschaffen: den Libanon in Schutt und Asche gelegt, Hisbollah zwar nicht vernichtet, aber gehörig dezimiert. Diese Fakten werden jetzt von der „internationalen Gemeinschaft“ als Rechtslage festgeschrieben. In einer einstimmig verabschiedeten UNO-Resolution geben die maßgeblichen Weltmächte den Kriegszielen Israels Recht und beauftragen die v. a. mit „robusten“ Truppen aus EU-Staaten aufgestockte UNO-Mission UNIFIL damit, diesem Rechtsstandpunkt praktische Geltung zu verschaffen.

Auslöser für den vorläufig letzten Nahost-Krieg war diesmal die Gefangennahme von 3 in Gaza und im umstrittenen Grenzgebiet zum Libanon operierenden Soldaten der israelischen Armee durch die palästinensische Widerstands­gruppe Hamas und die libanesische Hisbollah, sowie der sporadische Beschuss israelischen Staatsgebiets durch diese militanten Gegner mit ungelenkten Kleinraketen.

Diese Akte kriegerischen Widerstands gegen die Abschnürung des geräumten Gazastreifens, gegen die fortwährende israelische Besetzung der 1967 eroberten Gebiete und gegen die Unterdrückung der dort lebenden Bevölkerung, nahm Israel zum Anlass, anderes und weit mehr zu erledigen, als die Befreiung der Gefangenen und die Beendigung der Raketenangriffe. Es antwortet mit einem 4 Wochen dauernden Bombardement und einem massiven Einmarsch in den Süden des Libanon, sowie mit einem unter diesen Umständen von der Welt kaum mehr beachteten Verhaftungs- und Liquidierungsfeldzug gegen die Hamas in Gaza, die sich gerade in Wahlen als politische Vertretung der Palästinenser durchgesetzt hatte.

Den Krieg führte Israel unter dem Rechtstitel der „legitimen Selbstverteidigung“. Dieser Titel auf gerechten, vom Völkerrecht gedeckten Krieg wird Israel von der westlichen Welt – vor allem von den USA und Deutschland – auch rundherum zugestanden, nicht jedoch den palästinen­sischen Widerstandsgruppen, die ebenfalls auf „legitime Selbstverteidigung“ plädieren, nämlich gegen Unterdrückung und Besetzung durch eine fremde Macht.

Das Äußerste an Kritik, das sich Israel z. B. aus Deutschland dafür einfing, dass es – nach eigenen Auskünften – „den Libanon um 20 Jahre zurückbombte“, war das Bedenken, ob es bei seiner „gerechten Selbstverteidigung“ nicht zu weit gegangen sei und die gebotene „Verhältnismäßigkeit der Mittel“ verletzt habe. Dieser Vorwurf ist so zynisch wie das Ideal eines „verhältnismäßigen“ Kriegs, das ihm zugrunde liegt, und außerdem ignorant, weil er den Krieg im Prinzip billigt, von seinem Zweck, der die angewandten Mittel heiligt, aber nichts wissen will. Von gleicher Art ist die gerne aufgestellte Forderung, die Zivilbevölkerung zu schonen: Man unterschreibt damit den guten militärischen Sinn des Krieges unter der einzigen Bedingung, dass er nur den richtigen Opfern wehtut. Dabei wird Israel das Kriegsziel staatlicher Selbstverteidigung abgenommen, ohne sich die Mühe zu machen herauszufinden, was da eigentlich verteidigt wird.

So schwer ist es ja nicht herauszufinden, worum es Israel geht: Es lässt sich Widerstand gegen seine militante Staatsgründung nicht bieten. Nach der ursprünglichen Landnahme des von anderen Volksgruppen bewohnten und anderen politischen Mächten beherrschten Terrains, nach mehreren Kriegen gegen alle umgebenden Staaten, die sich von der neuen Macht verdrängt sahen, sind nur noch nichtstaatliche Widerstandsgruppen verblieben, die nicht bereit sind, ihren Frieden mit der noch immer nicht abgeschlossenen israelischen Expansion und mit der Vertreibung und Unterdrückung der dort ansässigen Bevölkerung zu machen, die Israel als „Heimstatt der Juden“ nicht als Teil seines Staatsvolks haben will. Die militanten Palästinenser werden, gerade weil sie keinen wirksamen und schon gleich keinen die staatliche Existenz Israels bedrohenden Widerstand zustande bringen, zu Terroristen, zu rechtlosen Verbrechern erklärt, denen man weder ein politisches Anliegen noch den Status von regulären Kriegsgegnern zuerkennt und die man entsprechend behandelt. Für die Vernichtung des Widerstands nimmt Israel dann auch den ganzen Libanon und die ansonsten kooperationswillige Palästinenserbehörde in Haftung. Sie schaffen es nicht, Hamas oder Hisbollah zu entwaffnen – also wollen sie es nicht ernsthaft genug und werden dafür bestraft, dass sie den im Interesse Israels fälligen Bürgerkrieg scheuen.

Es wäre also nicht so schwer, zur Kenntnis zu nehmen, was „Selbstverteidigung“ heißt, wenn eine staatliche Hoheit diesen Titel in Anspruch nimmt: Der Staat Israel opfert nicht wenig jüdisches und selbstverständlich noch viel mehr nichtjüdisches Leben, wenn er für seine Sicherheit sorgt und die politischen Kräfte vernichtet, die sich gegen seine Landnahme stellen, wenn er alle Staaten in der Nachbarschaft davon abschreckt, gegen Israel noch unbefriedigte Rechtsansprüche hochzuhalten oder den verbliebenen Widerstandsgruppen Deckung, Rückzugsräume oder Waffenhilfe zukommen zu lassen. Die Sicherheit Israels ist erst gewährleistet, der Frieden, den diese regionale militärische Supermacht schafft, ist erst fertig, wenn ihm die ganze Region unterworfen ist, wenn nichts mehr gilt als israelische Ansprüche, solche auf territoriale Expansion wie solche auf die Botmäßigkeit der Palästinenser und aller Nachbarstaaten.

Dabei reklamiert Israel für sich eine Sonderstellung in der Staatenwelt. Mit dem moralischen Hammer „Holocaust“ nimmt es ein besonders unverletzliches Recht auf nationale Sicherheit in Anspruch und verlangt von aller Welt, es anzuerkennen und sich in seinen Dienst zustellen: eben um den Überlebenden der Schoa eine sichere Heimstatt zu bieten. So ungewöhnlich ist, was Israel mit seinen arabischen Nachbarn treibt, in der Welt der Staaten aber gar nicht. Wenn Staaten ihre Sicherheit bedroht sehen, sei es durch andere Staaten oder durch nichtstaatliche Kämpfer, und darauf mit Krieg antworten, dann lassen sie sich in ihrer Kriegführung Schranken nur gefallen, wenn sie sich von überlegenen Mächten dazu genötigt sehen. Besonders am jüdischen Staat ist nur, dass seine gewaltsame Landnahme immer noch nicht abgeschlossen ist, er sich also seine Feinde erhält und immer neu schafft – und dass er es auf Grund seiner haushohen militärischen Überlegenheit nicht nötig hat, mit ihnen einen Frieden zu schließen, der auch ein Moment israelischer Selbstbeschränkung und Bescheidung enthielte. „Land für Frieden“, wie es einige Jahre Parole, aber nie wirklich Staatsprogramm war, kommt heute nicht mehr in Frage. Und zwar nicht wegen des Holocausts und einer allgemeinen moralischen Anerkennung eines Sonderrechts der Kinder und Kindeskinder seiner Opfer, sondern weil der israelische Dauerkrieg gegen seine Nachbarn der amerikanischen Revolutionierung des nahöstlichen Staatensystems so wunderbar ins Konzept passt, Waffen und Geld und weltpolitische Rückendeckung also nicht ausgehen.

Die USA lassen nämlich ihren ältesten und verlässlichsten Verbündeten in der Region kämpfen – in der doppelten Bedeutung des Wortes ‚lassen‘: Die Adressaten des israelischen Vernichtungskriegs, Hisbollah und Hamas, fallen für die USA unter die im „Krieg gegen den Terrorismus“ für vogelfrei erklärten Terrororganisationen, denen jeder politische Existenzgrund abgesprochen wird, die also bloß „antiamerikanisch“ sind, weil sie „unsere Werte hassen“. Syrien und Iran sind nach amerikanischer Definition „Schurkenstaaten“, weil sie als Gegner amerikanischer Kommandohoheit über die nahöstliche Staatenwelt nicht von der Unterstützung solcher Organisationen ablassen wollen. Dadurch dass Israel diese Gruppierungen dezimiert, schwächt es gleichzeitig die Unterstützer, die mit diesen bewaffneten Organisationen ihre politischen und militärischen Einwirkungsmöglichkeiten verlieren. Weil Israel den Amerikanern als Sponsoren und Ausrüstern ihre militärische Überlegenheit von Streubomben für einen länger andauernden Terror gegen die arabische Zivilbevölkerung bis hin zu den Wuchtbrummen zur Zerstörung „unterirdischer Kommandozentralen“ verdankt, bleibt Washington der letztendlich zuständige Entscheidungsträger über Krieg und Frieden im Nahen Osten. Für die USA hat das eine sehr willkommene Wirkung: Die von der überlegenen israelischen Militärmaschinerie vorgeführte Ohnmacht der Staaten in der Region bringt die USA in die Position der einzigen Macht, die Israel zum Waffenstillstand „überreden“ kann, deren strategischen Wünschen sich daher die arabischen Nachbarstaaten unterwerfen müssen, wollen sie die Gegnerschaft Israels loswerden, der sie nicht gewachsen sind. Die Europäer hingegen wurden durch die Eröffnung des Libanonkrieges ausgemischt und mussten an der angesichts des Libanonfeldzugs kaum mehr beachteten Front der israelischen Streitkräfte gegen die palästinensischen Gebiete ohnmächtig zusehen, wie die letzten Reste von EU-Hilfe für die Palästinenser-Autonomie im Gazastreifen zerstört werden.

Die Entsendung der blauen Jungs von der Bundesmarine in libanesische Hoheitsgewässer ist also eine günstige Möglichkeit, in der Region wieder mitzumischen. In Deutschland geht das natürlich nicht ohne die moralische Überhöhung, auch hierbei handle es sich immer noch um einen Akt der Wiedergutmachung an den überlebenden Juden. Das „Land der Täter“ ergreift die Gelegenheit, sich im Namen der „Verantwortung für den Frieden“ mit Wachdiensten am israelischen Sicherheitsbedürfnis zur militärischen Aufsichtsmacht auch im heiß umkämpften Nahen Osten aufzuschwingen. Und das alles, weil „wir“ einmal die Juden ermordet haben? Es lohnt sich, die verlogene Vermischung der Wiedergutmachungsmoral mit den imperialistischen Berechnungen in einer der nächsten Analysen zu entwirren.

Lesetipp:

34-Tage-Krieg im Libanon
Israel verteidigt sein Existenzrecht als regionale Supermacht
In GegenStandpunkt 3-06.
Erhältlich im Buchhandel oder beim GegenStandpunkt Verlag

06.10.06

Israels Kampf an zwei Fronten

Dokumentation eines Vortrages vom September 2006 aus München; Quelle: ArguDiss

Ein imperialistisches Lehrstück über den Unterschied zwischen 'Terrorismus' und 'legitimer Gewalt'

Download (MP3, ca. 31 MByte)

Israels grenzenlose Staatsraison

Dokumentation eines Vortrages vom September 2006 aus Bremen; Quelle: ArguDiss

Über den Grund, das Ziel und die Ideologie des vorläufig letzten Kriegs im Nahen Osten

Download (MP3, ca. 40 MByte)

Literaturhinweise

  • 34-Tage-Krieg im Libanon - Israel verteidigt sein Existenzrecht als regionale Supermacht, GegenStandpunkt 3-06
  • Weitere Artikel zum israelischen Imperialismus.

Der Papst auf Deutschlandtournee

Dokumentation eines Vortrages vom September 2006 aus Regensburg; Quelle: ArguDiss

Über den Glauben und sein inniges Verhältnis zur Macht

Download (MP3, ca. 26 Mbyte)

Gliederung

  • Das moderne bürgerliche Bedürfnis nach Moral und Sinn
  • Der christliche Glaube: Warum ein 2000 Jahre altes Sinnangebot heute verfängt
  • Die Institution Kirche: "dogmatisch", "hierarchisch", "machtbewusst" - nicht besser als der Glaube, dem sie dient
  • Staat & Kirche: ein historischer Kompromiss zu beiderseitigem Nutzen
  • Diskussion

Literaturhinweise

Artikel im GegenStandpunkt zu Religion und Kirche