Deutschland im WM-Fieber. Das Volk spielt schwarzrotgold verrückt.
Dokumentation eines Vortrages vom 13.07.2006 aus Nürnberg. Quelle: ArguDiss
Politik und Presse sind begeistert: "Endlich werden die Deutschen normal!"
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Hätten Sie's gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist – dem Land der Krise, des Sozialabbaus, des Angstsparens und der Miesepetrigkeit? Im Ton des Triumphes bekommt das Volk über alle Medienkanäle Beweise seiner nationaler Gesundheit vor Augen geführt, damit auch der Letzte kapiert, was angesagt ist: Jetzt drehen wird durch – so wunderbar, wie wir es bisher, neidvoll und erstaunt, bei Amis, Türken, Italienern und eigentlich allen anderen Nationen haben bewundern müssen. Nationalflaggen an Autos und Wohnungsfenstern wie zuletzt unter Adolf, in Nationalfarben bemalte, in die Flagge gehüllte Idioten, die Siege der deutschen Elf fordern und sich überglücklich geben, wenn sie eintreten; ebenso gut spielen sie stolze Gastgeber der Welt, die bei Freunden ist. Fans und Passanten zeigen den Gästen “unser” schönes Land, oder den Weg zur nächsten UBahn-Haltestelle, vor allem aber sich selbst als zugleich selbstbewusst deutsch und weltläufig: Man gratuliert den Ausländern zu ihrer Nationalität, zur Wahl ihres Reiseziels und lädt sie ein, “to join the party”! Die Gäste nimmt man als genau das zur Kenntnis, was man selbst sein will und worauf man sich hingeschminkt hat: als Lebende Nationalfähnchen, sonst gar nichts mehr.
Endlich, seufzen Präsident, Kanzlerin und andere Träger der Macht, endlich ist das Volk so, wie es gehört. Da ist er, der Patriotismus, den “wir” brauchen und bisher vermissen mussten. Politiker geben sich freudig überrascht vom Eintreten des nationalistischen Rauschzustands, dessen Anheizen mit einer Fußball-WM im eigenen Land eigentlich gar nicht misslingen konnte – für dessen Gelingen sie diesmal allerdings mehr Aufwand getrieben haben als je zuvor. Man hat nichts dem Zufall einer Stimmung überlassen, von der man sich nun überraschen lässt.
Internationale Fußballturniere – zuverlässige Aufputschmittel des volkstümlichen Nationalstolzes
Mit dem Ausrichten der Weltmeisterschaft in der beliebtesten Zuschauer-Sportart spendiert die Obrigkeit dem Volk die Gelegenheit, seinen Nationalstolz auszuleben und nur so zum Vergnügen zum Deutschland-Fan - ausgesprochen: zum Fanatiker der Nation - zu mutieren. Elf Spieler aus dem eigenen Land treten auf dem Rasen gegen das Team eines andren Landes an, und die Zuschauer auf den Rängen und vor den Bildschirmen gucken in unbedingter Parteilichkeit zu. Man hält zu “seiner” Mannschaft, feuert sie an; und die gibt der Fan-Gemeinde mit gelungenen und misslungenen Aktionen auf dem Spielfeld immer neuen Anlass, sie zum Sieg zu brüllen.
Selbstverständlich kommt es nicht oder erst in zweiten und dritter Linie auf ein schönes Spiel an; in erster Linie aber auf Sieg und Triumph der eigenen Seite. Ein glanzvolles Abschneiden der deutschen Elf ist “unser” Recht und deren Pflicht. Entsprechend streng werden längst vor dem Turnier die Fußball-Helden öffentlich überwacht, wird ihre Fitness, ihr Team- und Kampfgeist, sowie die Strategie des Trainers einer kritischen Begutachtung von schier jedermann unterzogen. Sollten sie ihre Pflicht zum Sieg verletzen und vor dem Endspiel ausscheiden, würde sich die Heldenverehrung an ihren Lieblingen giftig rächen. Dass die Gegner auch Fußball spielen können und vielleicht besser, wird als eine Ausrede durchschaut, die “unsere” Fußballnation nicht akzeptieren kann. Die Gesichtspunkte für das Scherbengericht über die überbezahlten Flaschen liegen alle schon vor: Klinsmanns unpatriotischer Wohnsitz, seine amerikanischen Psycho-Touren, Ballacks italienisches T-Shirt, Podolskis Unkenntnis der Hymne. Dieses Anfeuern, Richten und Rechten mag unterhaltsam finden, wer will; um Unterhaltung im landläufigen Sinn geht es nicht. Das größte Volksvergnügen seit langem ist kein Spaß. Aber
vorerst siegen “wir” ja – und so lange jedenfalls sind “wir” ganz locker und fröhlich.
Wenn sich Nationen getrennt von ihrer alltäglichen Konkurrenz um Geld und Macht zum Zeichen der Völkerverständigung im sportlichen Wettkampf engagieren, dann geht es in diesem Kampf um nichts – außer um die sportliche Ehre der Nation. Das ist nicht wenig – es ist vielmehr das Prinzip des zwischenstaatlichen Verkehrs selbst, ausnahmsweise getrennt vom politischen und ökonomischen Stoff dieses Verkehrs. In allem, was Nationen einander aufdrücken und abverlangen, fordern sie nämlich die Respektierung der eigenen Ansprüche durch die Gegenseite; sie soll als Recht anerkennen, was sie sich bieten lassen muss. Der Zustand dieser Anerkennung ist der liebe Frieden zwischen den Staaten. Dem Ringen um die – stets ungenügende, immer wieder bestrittene - Anerkennung dessen, was die Nation ist und meint beanspruchen zu können, unterwirft sie von den obersten vitalen Interessen bis herunter zum letzten Blödsinn alles, was Gegenstand des Verkehrs mit ihresgleichen werden kann. Kunst, Kultur, die Küche wie eben auch Sport und Spiel werden Objekte der Selbstdarstellung der Nation nach außen, mit denen sie Ehre einlegt und Ehre einfordert. Mit all dem präsentiert sich ein Land der Welt, möchte renommieren und Respekt ernten.
Nach innen ist die Selbstdarstellungs-Konkurrenz der Staaten ein Angebot ans Volk, sich für die Ehre der Nation einzusetzen und an dieser Ehre teilzuhaben. Wenn der Bürger zum Fan der Nationalmannschaft wird, ihren Sieg fordert und ihn mit Freudentänzen und Hohn und Spott für die Unterlegenen feiert, dann macht er sich mit seinem Gefühlsleben zum Teil des nationalen Ganzen und genießt dessen Erfolg, als ob's der eigene wäre. Im Sich-Einreihen in die nationale Unterstützerfront, im Erleben und Zelebrieren der Volkseinheit, in der Feier des eigenen, überlegenen nationalen Kollektivs besteht, was die Teilnehmer ein Vergnügen nennen. Auch diese Glücks-Erfahrung machen die Volksgenossen nur jenseits des bürgerlichen Alltags, in dem sie gegeneinander konkurrieren und gar nicht “einig Vaterland” sind; in dem ihr Volkstum im Wesentlichen darin besteht, Objekt des Regierungshandelns zu sein, sie also manch unerfreuliche Erfahrung mit den Entscheidungen machen, die andere über ihr Leben fällen. Wenn die Regierten aber von allem abstrahieren, was ihr soziales und ökonomisches Dasein ausmacht, wenn sie gar nichts mehr wollen als “Deutschland vor!”, dann sind sie mit allen
Volksgenossen eins; erst dann wollen sie etwas absolut Anerkanntes und Unwidersprechliches und dürfen die Wärme der Volksgemeinschaft genießen, die sie im Alltag eher als verpflichtende Zwangsgemeinschaft erleben.
Vorkehrungen fürs Gelingen der nationalistischen Party der Nationen
Damit das Gemeinschaftserlebnis sich zuverlässig einstellt und Stimmung aufkommt, haben die volkspädagogischen Veranstalter es von Anfang an nicht bei der Organisation der Sportveranstaltung belassen. Es wäre ja auch schade, wenn der nationale Rausch nur die begrenzte Anzahl der Schlachtenbummler in den Stadien befallen würde. Das ganze Volk soll feiern, die Spiele nicht isoliert vor dem heimischen Bildschirm betrachten, sondern in Massen zusammenlaufen und sich wechselseitig anheizen. Dafür hat überall man Großbildleinwände aufgestellt und Fan-Meilen eingerichtet. Vor einer Leinwand stehen nun 1000 Fans, die das Spiel garantiert nicht mehr sehen können, und daher gleich ohne den Umweg des Sports zu der Sache kommen, um die es geht: Die Fans feiern ihr Fan-tum, ihre schwarz-rot-goldene Maskerade, die Anfeuerungsgesänge, die sie auch ohne Adressat begeistert skandieren, und eben ihre Verbrüderung mit Gleichgesinnten. Nicht wenige der Millionen, die sich in den Partyzonen versammeln, bekennen, dass sie der Fußball gar nicht interessiert; sie feiern einfach sich als Deutsche: ihre unbedingte, grundlose, lautstarke Parteinahme für ihr Land.
Zugleich haben die Fans nun auch schon monatelangen Benimm-Unterricht hinter sich, damit der losgelassene Fanatismus auch mit der Rolle Deutschlands als Gastgeber der Welt kompatibel bleibt. Hooligans und die rechten Patrioten gehören ausgegrenzt, Ausländern nicht! Nach Abpfiff ist das Spiel vorbei und auf den Straßen wird gefeiert, nicht das Torergebnis korrigiert! Das haben sich die Liebhaber deutscher Triumphe bisher halbwegs zu Herzen genommen – noch siegen “wir”.
Da sind aber auch noch die Fans der anderen Vaterländer, deren Helden Zug um Zug einpacken und heimfahren können - und von BILD und ihren Lesern noch ein paar Spottgesänge ihre nationale Impotenz betreffend mit auf den Weg bekommen. Der Kampf um nationale Ehre, Ehrerbietung und Ehrabschneidung – das ist die Kommunikation der Völker, wenn sie zur festlichen Gelegenheit in Kontakt kommen. Die Ehre des eigenen Kollektivs auf Kosten der Selbstachtung des anderen zu vergrößern; von dessen Fans zu fordern, Beleidigungen auf sich sitzen zu lassen, weil alles ja nur Spaß sei; Schlägereien; nachfolgende Versöhnung und Verbrüderung der stolzen Fanatiker ihrer Vaterländer unter ausgiebiger Respektsbezeugung vor den nationalen Symbolen der anderen – und dann alles wieder von vorne. Diese Völkerverständigung ist allemal für Gewaltausbrüche gut. Zum friedlichen, freundlichen, weltoffenen Fest der Nationen lässt sich auch das ausgestalten; sofern der Gastgeber genug öffentliche Gewalt vorrätig hält. Mit dem größten Polizeiaufgebot aller Zeiten - auch britische, holländische, polnische Uniformierte sind zur Zähmung ihrer weltoffenen Fußballfreunde im Land – halten die Behörden den Frieden der Spiele und die gute Stimmung in den WM-Städten aufrecht. Ihnen ist völlig klar, dass sie den nationalistisch aufgeheizten Pöbel vorbeugend in Schach halten müssen, damit er seine Rolle im Völkerverständigungsspektakel spielt. Wenn man die unschöne Seite des Nationalismus radikal genug unterdrückt, sieht er fast wie eine kosmopolitische Umarmung der ganzen Welt aus.
Bloß eine schöne Party:
Unbedenklichkeitsbescheinigung für den neuen Patriotismus
Weil das bisher zu gut funktioniert, geben sich die Organisatoren des Events geben nicht nur freudig überrascht, sondern geradezu beschämt und belehrt: Das einfache Volk ist den Politikern, Schulmeistern, Intellektuellen im lockeren, unverkrampften Patriotismus weit voraus. Wo diese lauter “künstliche”, wie man jetzt weiß, Patriotismus-, Leitkultur- und Integrationsdebatten vom Zaun brechen, führt das Volk ihnen vor wie es all diese Ziele auf einmal verwirklicht: Es brüllt einfach “Deutschland!” Da können die Vordenker nicht mehr anders, als sich von der allgemeinen Stimmung zu genau dem aufrufen zu lassen, was sie mit ihren verkrampften Debatten beabsichtigt hatten:
“Viel zu lange haben wir die Fahne und andere nationale Symbole den Rechten überlassen!” (Stoiber 24.6.06)
Jetzt heißt es, auch den Nationalismus den Nazis zu entreißen!”Stolz auf Deutschland zu sein, ohne auch nur ansatzweise zum Nazi zu mutieren – es geht!” (SZ 19.6.06)
Wenn die Parteilichkeit für die Nation und ihren Triumph dem heutigen Deutschland gilt und nicht dem damaligen, kann doch nichts schlecht daran sein! Zumal sie weltoffen und freundlich und nicht feindselig gegen andere auftritt: Guter Patriotismus, der das eigene Land über alles liebt, ist eben ganz etwas anderes als böser Nationalismus, der andere verachtet. Die Unbedenklichkeit des patriotischen Wohlfühlens, das mit dem Nationalismus, den man einmal für gefährlich hielt, einfach nichts zu tun hat, beweisen erstens alle Formen des Gastgeber-Nationalismus, der im Land der WM blüht: Hier setzt man seinen Stolz nicht nur in den Sieg der eigenen Mannschaft, sondern auch ins Gelingen des Mega-Events, bei dem die Augen der Welt auf das effiziente, reiche, gastfreundliche Deutschland gerichtet sind. “Ganz Deutschland jubelt schwarzrotgold – und Freunde aus aller Welt feiern mit. Die deutsche Flagge ist der Ausweis der Gastgeber: 'Kommt her, wir zeigen euch, wie schön Deutschland sein kann.” (Renate Künast, Die Grünen) Die farbige Kriegsbemalung ist eine Art
Ordnerbinde der Gastgeber und selbstverständlich kein Nationalismus. Den nächsten Beweis liefert das Ereignis selbst, an dem sich die nationale Welle entzündet: Tatsächlich, es sind sportliche Wettkämpfe, kein Krieg! Die Mehrzahl der Fans kann Spiel und Leben noch unterscheiden; nach dem Abpfiff hören sie mit ihren “Macht sie fertig”-Parolen auch wieder auf – und wenn nicht gleich, dann immerhin nach ein paar Stunden Freuden- und Schmäh-Corso. Erstaunlich viele Deutsche präsentieren sogar die Fähnchen anderer Nationen, tauschen Trikots, fordern nicht nur, sondern erweisen auch anderen nationale Ehre. Mancher Liebhaber findet den modischen Patriotismus so unanfechtbar, dass er ihn gar nicht mehr entdecken kann: “Angeblich gibt es einen neuen Patriotismus des Herzens, eine Liebe zum Land, die sich im Fahnenschwenken und in 'Deutschland, Deutschland'-Rufen zeige. …
Wer aber im Lande rumreist, wer in den Stadien ist und wer sich vor den Großleinwänden rumtreibt, hat eher den Eindruck, dass die große Masse einfach nur feiern will. Die Fahne oder das Trikot ist weniger Ausdruck von Patriotismus als von Partywillen.” (Der Spiegel 25/06) Dass gefeiert wird, soll dementieren, was da gefeiert wird. Das aber kann nicht das letzte Wort sein. Vor lauter Verharmlosung soll ja die Sache nicht vergessen gemacht werden, die da verharmlost wird!
Bloß eine Party? Keineswegs! Bundespräsident Köhler lobt die schwarzrotgoldene Massenbegeisterung, die sich überhaupt nicht in einer Party erschöpfen darf. Durch sie sieht er das Land von einem alten Leiden geheilt. “Dass jetzt ein Fahnenrausch durchs Land geht, würde ich als Hinweis werten, dass sich das Land weiter normalisiert, dass man jetzt
unverkrampft auf seine Nationalfahne zeigt und sich mit ihr schmückt. Das sollten wir doch gut finden.” (FAZ 19.6.06) Der alte Verfassungspatriotismus, das bisschen Zurückhaltung in Sachen nationaler Präpotenz, die man sich in Deutschland nach Hitler auferlegt hatte, war demzufolge unnormal, eine Verkrampfung und Selbstverleugnung. Bedenklich, lernen wir, ist nicht Nationalismus, sondern seine Bremsung und Relativierung. Jetzt erst haben sich die Deutschen ganz dazu befreit; sich zu geben, wie sie wirklich sind und sich fühlen: als natürliche Nationalisten. Sie müssen sich nicht mehr verstellen, wie frühere political correctness es von verlangt hat. Auch die Deutschen brauchen und haben ein Recht auf unrelativierten Nationalismus.
Andere Publizisten und Politiker begrüßen den endlich gesundeten Nationalismus, indem sie den Fehler dieser Gesinnung geradezu offen aussprechen und ihre Leistungen für den Staat mit einiger Übertreibung rühmen. Das geht an mit einem Lob der Integration der Einwanderer. Manche der deutschen Türken z.B. - nicht gerade willkommen, zur Assimilation aufgerufen, am Einbürgerungstest scheiternd - haben weder vor noch nach der WM einen Grund, sich zu diesem Gemeinwesen zu bekennen. Jetzt tun sie es! Neben dem roten Halbmond zeigen sie die deutschen Farben am Auto, an der Dönerbude. Das ist Integration! Nichts hat sich für sie verbessert, aber sie liefern das geforderte Bekenntnis unaufgefordert, ungezwungen, glaubwürdiger als jeder Test es prüfen könnte.
Noch wertvoller ist die Integration der sozial abgeschriebenen Unterschicht. “Zwischen mehreren tausend Fans steht Joachim Erfurt. Ein hagerer, kranker Mann von 45 Jahren mit eingefallenen Wangen und einem wild wuchernden Vollbart. Er ist einer der Unentwegten, der Verzweifelten, die immer noch gegen die Zumutungen des globalisierten Deutschland demonstrieren. Aber er ist nicht glücklich über seine Zugehörigkeit zu dieser Gruppe. Er empfindet sie als Zwangsmitgliedschaft, die ihm vom deutschen Staat aufgezwungen wurde. Erfurt würde gern Teil von etwas anderem, etwas Positivem sein, aber er weiß nicht von was, und so kam er erst einmal auf die Leipziger Fan-Meile, kaufte sich eine Tröte, blies hinein mit seiner halben Lunge… Joachim Erfurt scheint ein wenig verwundert zu sein über seine Verwandlung vom Kritiker Deutschlands zur Werbefigur für Deutschland. Doch er fühlt sich gut. Er ist ein bisschen angekommen.” (Der Spiegel 25/06) Ganz egal, ob die eines Hitler würdige Ableitung des Nationalismus aus der Armut erfunden ist oder nicht: So sieht das Dazugehören aus, das die Hartz-IV-Klienten jederzeit haben können. Wenn sie sich einfach nicht mehr darum
kümmern, wie Deutschland ihnen mitspielt, wenn sie konsequent ignorieren, dass sie von allem, was Leben heißt, ziemlich ausgeschlossen sind, wenn sie sich nur noch in die Deutschland-Fans einreihen wollen, dann sind auch sie im Volk aufgenommen und “angekommen”. “Während der Dauer des Turniers interessieren sich Hartz-IVEmpfänger, Investmentbanker und Intellektuelle für dasselbe. Im Jubel sind die Grenzen der sozialen Herkunft verwischt.” (ebd.) So will die Nation ihre Unterschicht! Die Kanzlerin verspricht, von der Begeisterungsfähigkeit ihres Volkes Gebrauch zu machen: “Ja, Deutschland ist ein Sanierungsfall. Wenn ich aber die Begeisterungsfähigkeit der Menschen bei der Weltmeisterschaft sehe, dann ist mir nicht bange, dass wir auch diese Herausforderung meistern werden.” (Merkel, 20.6.06) Die Sanierung des Staatshaushalts und die anderen antisozialen Reformen müssen gelingen, wenn die verordneten Opfer von den Geschädigten aus Liebe zu Deutschland gerne erbracht werden! Das ist keine Zukunftsmusik: Alle Zeitungen vermerken, dass während des WM-Taumels sehr geräuschlos die größte Steuererhöhung in der Geschichte der BRD durchs Parlament gebracht wurde: “Vermutlich könnte die Bundesregierung gerade auch die Mehrwertsteuer verdoppeln und kaum einen würde es interessieren.” – meint Der Spiegel und will keineswegs ein Ablenkungsmanöver anklagen, mit dem die Bürger zu ihrem Schaden hinters Licht geführt werden. Im Gegenteil: So sollte es immer laufen – und so könnte es laufen, wenn das Volk die Vaterlandsliebe, die es in der WM beweist, auf Dauer zeigen würde. Noch das vielfach geäußerte Bedauern, dass der wunderbare Ausnahmezustand wohl wieder aufhören wird, bekennt, wie sich Regierung und Medien das Volk wünschen: besoffen vor Nationalismus, ohne Rücksicht auf sich selbst, zu allem bereit, was in irgendeiner Weise
“Deutschland vor!” verspricht.
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