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30.06.06

Eine schöne Aufklärung über den Rassismus in der schwarz-rot-goldenen Demokratie.

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 19. Juni 2006
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 21. Juni 2006

Ausgerechnet kurz bevor „die Welt zu Gast bei Freunden“ sein sollte,
wurde in Potsdam ein deutscher Bürger halb totgeschlagen,
weil er trotz voll „gelungener Integration“ mit der „falschen“ Hautfarbe herumläuft.
Seither fragen sich Justiz, Politik und die demokratische Öffentlichkeit,
wie groß der Schaden für Brandenburg und Deutschland ist.

In der Osternacht wird in Potsdam ein „37-jähriger Afrikaner mit deutschem Pass“ zusammengeschlagen und liegt seitdem im Koma. Obwohl den meisten Pressemeldungen über diesen Vorfall bereits in der Opferbeschreibung das Tatmotiv zu entnehmen ist, wird künstlich gerätselt, ob die Tat womöglich einen „ausländerfeindlichen Hintergrund“ haben könnte, und die Staatsanwaltschaft Potsdam beeilt sich zu versichern, dass es sich auf jeden Fall nur um einen „extremen Einzelfall“ handle. Schließlich, so verlautbart sie, seien bislang nur „99 Menschen seit der Wende von Tätern mit rechtsradikalem Hintergrund getötet“ worden, und es habe in den vergangenen Jahren lediglich „jeweils mehr als 700 rechte Gewalttaten“ gegeben. So viel zur brutalen Sichtweise einer deutschen Staatsanwaltschaft und der mit ihr sympathisierenden freien Presse. Folgerichtig wollen auch führende demokratische Politiker von solch „singulären Ereignissen“ den Ruf ihres Gemeinwesens nicht beschädigen lassen. Schließlich arbeiten sie sich seit jeher daran ab, die guten Deutschen mit den politischen Problemen aufzuregen, die sie in der Asylantenflut, erwünschter und weniger erwünschter Zuwanderung und schlecht integrierten, terrorverdächtigen Parallel­gesell­schaften sehen. Sie bedrängen ihr Volk, sie als die kompetenten Sachwalter der von ihnen aufgetischten nationalen Problemlagen immer wieder zu wählen, anstatt diese Probleme in immer häufiger auftretenden Einzelfällen selbständig in die deutsche Faust nehmen. Daran erkennt man nämlich den politisch korrekten Deutschen: Er lässt sich je nach Bedarf die von der Politik ausgelobten nationalen Problemlagen mit den mal mehr, mal weniger erwünschten Ausländern einleuchten und beauftragt seine Obrigkeit per Stimmzettel zur Lösung derselben. Ein wirklich „guter Deutscher“ weiß seinen privaten Rassismus eben zu beherrschen und überlässt den Abwehrkampf gegen eine von demokratischen Führungspersönlichkeiten wie Edmund Stoiber beschworene „Durchrassung“ der Nation den dafür zuständigen rechtsstaatlichen Instanzen.

Eine dieser Instanzen, den brandenburgischen Innenminister Schönbohm, stört an dem Beinahetotschlag vor allem die rufschädigende Berichterstattung darüber:

„Das Land Brandenburg wird unmittelbar vor der Fußballweltmeisterschaft ungerechtfertigt in ein schlechtes Licht gerückt. Brandenburg ist kein braunes Land. Ich muss mich wehren, wenn dieser Eindruck erweckt wird.“ (Tagesspiegel, 25.4.06)

Es geht also laut Schönbohm um die angemessene Bewältigung dieses Ereignisses, das nämlich nicht bloß dem verprügelten schwarzen Deutschen, sondern vor allem dem deutschen Ansehen in der Welt geschadet haben soll. Dem Anliegen, diesen Schaden zu minimieren, wenn schon das Opfer die staatsbürgerliche Hyperaktivität einiger Brandenburger in Sachen Ausländerpolitik nicht überleben sollte, sehen sich auch andere rechtsstaatliche Instanzen verpflichtet; allerdings anders als der Minister nicht durch „Tiefer-Hängen“ des Falls, sondern indem sie ihn ganz hoch hängen.

So zieht der Generalbundesanwalt Nehm die Ermittlungen an sich und begründet das damit, dass es sich bei diesem Fall um eine „Frage der inneren Sicherheit“ (Tagesspiegel, 25.4.). Anders als in zahlreichen anderen Fällen, die in der demokratisch gesinnten Presse aufgeregt aufgelistet werden, wo die örtlich zuständigen Staatsanwaltschaften nur mäßiges Interesse an von Rechten verprügelten Ausländern zeigten, greift hier die oberste Ermittlungsinstanz entschlossen ein und macht damit deutlich, wie ernst die deutsche Justiz solche Ereignisse nimmt und wie wenig sie sich die Duldung staatlich nicht autorisierter Ausländerfeindlichkeit nachsagen lassen will, kurz bevor die „Welt zu Gast bei“ ihren deutschen „Freunden“ ist. Sportliche Großveranstaltungen sind eben – das ist für niemanden ein Geheimnis, geschweige denn ein Problem – Anlässe für die Präsentation der Pracht und Herrlichkeit des Veranstalters, weshalb Nationen es zu ihrem Interesse machen, solche Veranstaltungen im eigenen Land durchzuführen und ihre Ehre daran setzen, sie zum Erfolg für sich werden zu lassen.

Einen anderen Ansatz verfolgen die christlich-demokratischen Innenminister Schäuble (Bund) und Schön­bohm (Brandenburg): Sie werfen dem Generalbundesanwalt ein „überzogenes Vorgehen“ vor und kritisieren, er habe „aus der Sache ein Politikum gemacht und zu einer Stigmatisierung Brandenburgs beigetragen. Der politische Schaden für Brandenburg sei erheblich.“ (www.dradio.de/aktuell, 24.4.06) Schönbohm hält überhaupt nichts davon, dass Deutschland und Brandenburg derlei Ereignisse mit den großen Kalibern des Strafrechts bewältigen, um damit wieder Ruhe ins Spiel zu bringen und den Ball flach zu halten. Er hält es für einen Fehler, sein gutes Bundesland in eine, wie er meint, „Privatsache“ hineinzuziehen und ein „Politikum“ daraus zu machen. Wenn sich ein „dreckiger Nigger“ und „betrunkene Schweine“ – wie sich die Kontrahenten bei der Schlägerei wechselseitig beschimpft haben sollen – prügeln, dann hat doch Brandenburg damit nichts zu tun, ist also auch an nichts schuld. Zweitens hätte deswegen die ganze Sache staatsanwaltschaftlich auch von Brandenburg aus erledigt werden können. Zumal dann, wenn wie im vorliegenden Fall dem Dialog zwischen Tätern und Opfer zu entnehmen ist, dass die prügelnden Brandenburger gar nichts gegen Fremde hatten, allenfalls etwas gegen „dreckige Nigger“. Daraus schließt ein Schönbohm messerscharf, dass „ein fremdenfeindlicher Hintergrund alles andere als sicher ist“.

Bundesinnenminister Schäuble geht sein deutsches Gerechtigkeitsgefühl durch. Er setzt nicht auf schlichte Leugnung des fremdenfeindlichen Charakters der Prügelei wie sein brandenburgischer Kollege, sondern wirbt um eine gerechte Einschätzung und Verständnis gegenüber der verbreiteten Übung des „Ausländerklatschens“:

„Es werden auch blonde und blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben. Das ist auch nicht besser.“ (Die Zeit, 27.4.06)

Erstens: Als Innenminister ist Schäuble natürlich, ganz abstrakt, gegen jede unerlaubte Gewaltanwendung, egal ob von In- gegenüber Ausländern oder umgekehrt. Zweitens aber: Muss man wirklich so ein Geschrei um einen vermöbelten Zugereisten machen, solange niemand reinrassig deutsche Gewaltopfer beklagt? Deutsche, die „sogar“ Ausländern zum Opfer fallen, denen es nach Schäuble offenbar am allerwenigsten zusteht, Deutsche zu schlagen. Wer sich darüber nicht aufregt, soll gefälligst auch bei einem von eingeborenen deutschen Staatsbürgern halb erschlagenen eingebürgerten schwarzen Einwanderer die Schnauze halten! So wiegelt der Innenminister die herrschende Aufregung um das deutsche Ansehen in der Welt ein wenig ab. Und manchen blonden und blauäugigen Menschen auch ein wenig auf, der nun auch noch von seinem Verfassungsminister bestätigt bekommt, was er sich schon lange gedacht hat: dass doch auch immer wieder Ausländer sich etwas herausnehmen, wozu die überhaupt kein Recht haben.

Jenseits dieser Gerechtigkeitsfragen hat Schäuble aber auch eine Erklärung dafür, dass Ossis Ausländern gegenüber öfter mal die Hand ausrutscht:

„Als Bürger der DDR konnten sie wegen der Abschottung durch die Mauer keine Erfahrungen mit ausländischen Mitbürgern sammeln.“ (www.dradio.de, ebd.)

Schäubles liberale Kritiker zweifeln an seiner These: Würden die weniger zuschlagen mit Erfahrungen mit ausländischen Mitbürgern? Gab es nicht auch in der DDR einige Ausländer? Und was ist mit den Jungen, die die DDR gar nicht mehr kannten? Egal: Schäuble wollte ja nur sagen, dass die DDR an solch unerwünschten Ereignissen irgendwie mit schuld sei. Das schlechte Licht, das auf Deutschland anlässlich solcher Ereignisse fällt, hätten nicht die Deutschen, sondern die DDR verdient. Denn Ausländerhass sei auf keinen Fall etwas Deutsches, sondern ein Produkt des DDR-Kommunismus.

Wer einen Schritt von der unübersichtlichen Tagesaktualität zurücktritt, etwa von den Nachrichten- und Kommentarspalten, und die mehr Überblick gewährenden, lichten Höhen des Feuilletons gewinnt, mag Schäubles gut gemeinter, analytischer Blutgrätsche zu Lasten des Kommunismus und zu Gunsten des deutschen Volkscharakters nicht mehr ohne Weiteres zustimmen: Denn dort, wo die vornehmen Fremdwörter auch für die hässlichen Sachen im Leben nur so perlen wie auf den Kulturseiten der SZ, weiß man, dass „Xenophobie [= Fremdenfeindlichkeit] ... eine anthropologische Konstante“ [= unveränderliche Eigenart des Menschen] sei (25.4.06). Darüber sollte man sich also nicht so aufregen und jeden „Entrüstungsmaximalismus“ über totgeschlagene Ausländer ebenso vermeiden wie vorschnelle Urteile darüber, dass „Deutschland ausländerfeindlich“ sei. Entscheidend sei allein, dass „die Mehrheitsgesellschaft und ihre staatlichen Institutionen fremdenfeindliche Ressentiments nicht politisch decken.“ (SZ, ebd.)

Solange also Politiker wie Schönbohm und Schäuble die rechten Schlägerbanden, die sie immer wieder ein bisschen scharf machen, politisch und rechtsstaatlich im Zaum halten, ist die Sache halb so schlimm: „Schön ist das nie“, meint der Feuilletonist ganz abgeklärt dazu, wenn immer wieder mal einer als „Scheißnigger“ (SZ, ebd.) angesprochen wird. Weil sich so nur besagte anthropologische Konstante melde, seien solche Beschimpfungen auch keine maximale Aufregung wert. Ein Blick in die Statistik könnte einem Schöngeist einen Fingerzeig geben, dass seine Theorie von der Fremdenfeindlichkeit als einer anthropologischer Konstanten Unsinn ist: Das Xenophobe (= Fremdenfeindliche) im deutschen Ánthropos (= Menschen) ist offenbar eine ziemlich variable, also alles andere als konstante Einstellung. Fremdenfeindlichkeit kann nicht von der menschlichen Natur abhängen, wenn die Zahl der Deutschen mit fremdenfeindlichen Einstellungen seit ein paar Jahren zunimmt und wenn fast vier von zehn Befragten entgegen ihrer angeblichen anthropologischen Konstanten konstant bei ihrer Ausländerfreundlichkeit bleiben. Die Statistik könnte den SZ-Schöngeist also richtig hoffnungsfroh stimmen, wenn er es nicht ohnehin schon wäre: Obwohl

„nach 33 Prozent vor knapp fünf Jahren ... heute 54 Prozent der Deutschen in den hier lebenden Ausländern eine ‚Gefahr der Überfremdung‘ (sehen) und „nur noch 38 Prozent eher von einer ‚kulturellen Bereicherung‘ durch Ausländer sprechen“ (SZ, 29./30.4./1.Mai 06), ging „die Zahl der rechtsradikalen Gewalttaten in Brandenburg ... in den letzten Jahren zurück.“ (SZ, 25.4.06)

Das ist doch mal eher schön: Die Brandenburger im Speziellen und die Deutschen im Allgemeinen können die Ausländer zwar immer weniger leiden, verprügeln sie aber trotzdem nicht entsprechend häufiger – freundliche Gastgeber der „zu Gast“ weilenden „Welt“ eben.

20.06.06

Planet Kommunismus

MPunkt hatte neulich die Idee nach dem Vorbild von Planet Gnome und ähnlichen Blog-Aggregatoren einen "Planet Kommunismus" ins Netz zu stellen. 2d hat mich daraufhin angeschrieben, ob das nicht vielleicht unter kommunismus.net möglich wäre.

Gesagt, getan: Der Planet Kommunismus hat seine Pforten geöffnet (noch im PlanetPlanet Standard Design, aber das kann sich ja noch ändern).

Von der Schwierigkeit, die wahren Deutschen herauszufinden

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 12. Juni 2006
GegenStandpunkt – Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 14. Juni 2006

Was ein werdender Staatsbürger alles wissen muss – Der „Wissens- und Wertetest“ für einbürgerungswillige Ausländer

Woran erkennt man einen Deutschen? Normalerweise am Pass – wenn man ihn hat. Ein Ausländer, der diesen Pass erst noch bekommen will, muss sich hingegen einer besonderen Prozedur unterziehen: Er muss beweisen, dass er es wert ist, Deutscher zu werden. Dafür genügt es nicht, dass er seit geraumer Zeit in Deutschland arbeitet und lebt. Es soll auch nicht mehr genügen, dass die Ausländerbehörde den Aufenthalt seit Jahren genehmigt hat, weil sie den Kandidaten zu dem ausgewählten Teil der Ausländer zählt, auf deren Dienste Deutschland Wert legt. Bloßer Wille zur Pflichterfüllung reicht nicht mehr aus. Denn die Einbürgerungskandidaten stehen prinzipiell unter dem Verdacht, den Status eines Deutschen nur aus ihren eigennützigen Berechnungen heraus anzustreben – und diesen Verdacht haben sie vor ihrer Einbürgerung auszuräumen.

Ein Kandidat, der für wert befunden wird, ein Deutscher zu werden, muss „uns“ zeigen, dass seine angestrebte Eindeutschung ein „Bekenntnis zu Deutschland“ ist, das ihn auch innerlich berührt. Die „innere Hinwendung an Staat und Gesellschaft“, die er als Voraussetzung für seine Einbürgerung beweisen muss, ist von ganz anderer Art als die Hinwendung an Familie, Freunde oder was einem sonst lieb und teuer ist. Verlangt ist hier eine Parteinahme, die unabhängig von allen persönlichen Abwägungen und Interessen zustande kommt, und die für die Neubürger zu ihrem ureigensten Herzensanliegen werden soll.

Dass die neuen Bürger wirklich nicht mehr ihrer alten Herrschaft, sondern ausschließlich der neuen die Treue erweisen und in ihrem nationalen Herzen niemand mehr wohnen soll als Deutschland allein – das will Deutschland seinen neuen Untertanen nicht unbesehen glauben. Zwar könnte eine Herrschaft sich auch damit zufrieden geben, dass die Einwanderer als billige Arbeitskräfte für das nationale Wirtschaftswachstum gut funktionieren. Deutschland aber hat sich entschieden, in den Gewohnheiten und Sitten der Einwanderungswilligen ein Indiz für eine undeutsche Gesinnung und eine nicht ak­zep­table „Parallelgesellschaft“ zu sehen. Daher bekommen die Antragsteller die Aufgabe, das Misstrauen in ihre Qualifikation als Staatsbürger auszuräumen – und zwar in einem Verfahren, das die „innere Hinwendung“ an unser schönes Land auch äußerlich sichtbar machen soll.

Im ersten Anlauf entwirft Baden-Württemberg einen Wertetest, der manchem guten Katholiken die Schamröte ins Gesicht treiben müsste („Wie verhalten Sie sich, wenn Sie bemerken, dass ihr Sohn homosexuell ist?“). Die Vorlage kommt zwar direkt zur Sache und nimmt speziell die zweifelhafte Gesinnung des muselmanischen Kulturkreises ins Visier. Das gilt aber zugleich auch als Einwand gegen sie: Kritiker plagt der Verdacht, dass sie, wenn sie Bekenntnisse verlangen, womöglich nur Lippenbekenntnisse bekommen, dass ein bloßer Gesinnungstest gar nicht leistet, was ein Gesinnungstest leisten soll.

Das Land Hessen „versachlicht“ daraufhin das Verfahren und entwickelt einen „Wissens- und Wertetest“, welcher der Sache den Beigeschmack einer Gewissensprüfung nehmen soll: Im ersten Drittel widmet sich der Wissens- und Wertetest der Geographie („drei deutsche Flüsse“, „drei deutsche Mittelgebirge“) und der Geschichte („Reformation und wer hat sie eingeleitet?“). Offensichtlich ist für die verlangte „Hinwendung zu Staat und Gesellschaft“ die Befassung mit den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zuständen wenig nützlich; die Verfasser des Fragebogens jedenfalls ziehen es vor, das Liebenswerte an Deutschland zunächst an unschuldigen Mittelgebirgen oder Flüssen sowie an Jahrhunderte zurückliegenden, von Vorfahren der heutigen Deutschen ausgelösten weltgeschichtlich bedeutsamen Umbrüchen zu illustrieren. – In welchem Jahr trat die deutsche Verfassung in Kraft? Das muss man als Nächstes wissen – gewiss nicht, um sich ein Urteil über sie zu bilden. Aber seinen Respekt vor ihr stellt man mit solchen Auskünften schon unter Beweis – solche Fragen verlangen von dem werdenden Staatsbürger politische Bildung. Er soll, völlig unbekümmert von den eigenen Sorgen und Nöten, das politische Prozedere und den landesüblichen demokratischen Pomp mit Sympathie und Anteilnahme verfolgen. Dabei darf er sich natürlich niemals die Frage vorlegen, welcher staatliche Zweck durch eine Verfassung eigentlich geregelt wird und welche Rolle dabei für einen wie ihn selbst vorgesehen ist.

Doch dann nimmt der Fragebogen Kontakt zur Lebensrealität der Prüflinge auf: In der raffiniert verschlüsselten Absicht, die Bereitschaft zur Erfüllung sittlicher Vorschriften zu testen, die bei uns schon seit kaum drei Jahrzehnten gelten, fragt er:

„Welche Möglichkeiten haben Eltern, die Partnerwahl ihres Sohnes oder ihrer Tochter zu beeinflussen? Welche Handlungen sind verboten?“

Merke, Türke: In unserer Werteordnung droht man Kindern mit Geld- und/oder Liebesentzug, wenn sie sich in den Falschen verlieben. Man darf sie auch mal grob anschreien, solange sie die Füße unter den Tisch des Vaters stecken und dennoch nicht parieren. Man darf der Tochter aber nicht verbieten, die Straße ohne Kopftuch und familiäre Begleitung zu betreten, und „zwangsverheiratet“ wird auch nicht! Freundlicherweise gibt der bayerische Landesvater Entscheidungshilfe: „Es muss für jeden neuen Deutschen klar sein, dass bei uns das Gewaltmonopol des Staates gilt und nicht etwa das Gewaltmonopol des türkischen Mannes.“ (FAZ.net, 23.3.)

Zwischendrin findet sich plötzlich eine Erinnerung an ein trübseliges Kapitel deutscher Geschichte: „Erläutern Sie den Begriff ‚Holocaust‘!“ Wie das da hineingerät, erhellt sich kurz darauf: „Erläutern Sie den Begriff ‚Existenzrecht Israels!“ Hier ist also nicht daran gedacht, Neubürger das Entsetzen vor Deutschen zu lehren, die vor nicht allzu langer Zeit die damalige „Parallelgesellschaft“ kaltblütig bis begeistert ausgelöscht haben. Vielmehr klärt der Fragebogen die Eintrittsbedingung in das Land der Täter: Weil „wir“ die Juden umgebracht haben, haben einzubürgernde Araber und andere Moslems zu kapieren, dass sie sich von ihrem Antizionismus verabschieden müssen.

Ansonsten haben alle Fragen des Wissens- und Wertetests eines gemeinsam: Sie sind unverschämt abstrakt. Das „Grundwissen Deutsch“ befasst sich gar nicht erst damit, dass in Deutschland gearbeitet wird, dass Steuern gezahlt, Sozialbeiträge erhoben und verwaltet, Waren im- und exportiert werden usw. – all das existiert in der wundersamen Welt des Fragebogens einfach nicht. Allenfalls eine von 100 Fragen spielt auf den Umstand an, dass das Leben in Deutschland von elementarer Unsicherheit geprägt ist – und auch das nur, um daraus einen Ehrentitel für Deutschland zu verfertigen: „Nennen Sie drei Elemente der sozialen Sicherung in Deutschland!“. Wer mag da fragen, aufgrund welcher sozialen Verunsicherung es solche Sicherungen wohl braucht?

Nun ist der Test am Ende der Fahnenstange angelangt und kann zum Kern der Sache kommen:

98. Welche Farben hat die deutsche Bundesflagge und wie sind sie angeordnet?

99. Wie heißt der Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland und wann wird er begangen?

100. Wie heißt die deutsche Nationalhymne, mit welchen Worten beginnt sie?

Wenn ein Einbürgerungswilliger dies alles beantworten kann, dann soll ihn das zu einem guten Staatsbürger qualifizieren? – Einerseits natürlich nicht. Zu einem guten Staatsbürger gehört nämlich vor allem das, wovon der Test gerade abstrahiert: Dass er praktisch seinen Dienst tut, dass er ‚uns nützt‘ und ‚uns nicht ausnützt‘, und dabei eine Gesinnung an den Tag legt, die dieser Test überhaupt nicht erfasst. Andererseits – eine Grundvoraussetzung hat einer, der diesen Test ernst nimmt, schon erfüllt. Denn so funktioniert staatsbürgerliches Bewusstsein tatsächlich: Wer dazu bereit ist, über seine gesellschaftliche Lage in einer Weise nachzudenken, die all seine Erfahrungen einfach nicht zur Kenntnis nimmt; wer als notwendiges und hinreichendes Wissen über sein Gemeinwesen Auskünfte akzeptiert, die vornehm von all dem absehen, wie er von der Ausübung der staatlichen Hoheit betroffen ist, wer also glaubt, alles Wissenswerte über Deutschland sei auf dem Feld zu finden, auf dem der „Wissens- und Wertetest“ seine Fragen stellt – der tickt in der Tat so, wie es sich gehört.

„Muss ein guter Deutscher das alles wissen?“ – Diese Frage wirft der Test besonders unter der geistigen Elite auf: Abiturklassen versuchen sich an dem Test und bekennen ihr Scheitern, Zeitungen decken die Bildungslücken politischer Größen auf, die Deutschland regieren. Der deutsche Literaturpapst Reich-Ranicki – selbst ein Mann mit Migrationshintergrund – bekennt, noch nicht einmal er hätte den Test bestanden, und fragt sich, wie „Pförtner und Putzfrauen“ das schaffen sollen. Deutsche Intellektuelle kokettieren mit Schwierigkeiten bei der Beantwortung eines Tests, der haargenau das abfragt, was man im Gymnasium als Wissen über politische Verfassung, Kultur und Geschichte der deutschen Heimat lernt. So genannte Gebildete mokieren sich über den „Wissensballast“ des Einbürgerungstests, und geben bekannt, dass der alltäglich praktizierte Nationalismus ganz gut auch ohne Wissen auskommt. Recht haben sie damit: Dass jemand zu dumm und zu unwissend dafür sein könnte, ein guter Deutscher zu sein, das gibt’s wirklich nicht – das ist nun tatsächlich millionenfach bewiesen!

So kommen die Kritiker des Wissens- und Wertetests auf den Ausgangspunkt der Debatte zurück: Sie entdecken, dass die verlangte staatsbürgerliche Haltung durch noch so viel Wissen über Deutschland nicht zu erzeugen ist. Umgekehrt blüht diese Haltung dort, wo von Wissen und Bildung nun wirklich nicht die Rede sein kann: unter lauter arm, aber redlich gebliebenen Volksgenossen. Als deren Anwälte finden sie, dass es der Rolle der einbürgerungswilligen Zuwanderer und der von ihnen verlangten sittlichen Einstellung am besten entspricht, wenn sie sich für nichts anderes interessieren als „zu arbeiten und sich um die Familie zu kümmern“. In Bezug auf die Klasse, deren staatsbürgerliche Pflicht im Gehorchen besteht und deren Wertetest die Bewältigung ihres Alltags ist, erscheint der gebildeten Elite der Deutschen das ganze Wissens- und Wertegesumse als lächerliche „Bildungshuberei“.

17.06.06

Mehr "Versorgungssicherheit" und weniger "Abhängigkeit"

Mitschnitt eines Vortrages vom 15.06.2006 aus Bremen

Mehr "Versorgungssicherheit" und weniger "Abhängigkeit" -
das raumgreifende Programm deutsch-europäischer Energiepolitik

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Gliederung:

  • Einleitung
  • Energieversorgung I: Energieversorgung als Staatszweck
  • Energieversorgung II: Privatisierung der Strom- und Gasversorgung
  • Ausgangspunkt - Privatisierung
  • Widersprüche
  • Fazit - Diskussion

Literaturhinweise:

Das große Geschäft und die Sorgen der Politik mit der leitungsgebundenen Energieversorgung, GegenStandpunkt 2-2006

Blackout: Die politische Ökonomie marktwirtschaftlicher Stromversorgung, GegenStandpunkt 4-2003

Die BRD – immer noch eine Atommacht eigener Art, GegenStandpunkt 3-1996

Zur politischen Ökonomie des Erdöls – Ein strategisches Gut und sein Preis, GegenStandpunkt 1-2001

Heft: 3-2000, Seite: 151, Umfang: 28 Seiten, Kurztitel: Kaspisches Öl
Wem gehört das Kaspische Öl? Der Imperialismus mischt eine Region neu auf, GegenStandpunkt 3-2000

11.06.06

Nach dem Irak der Fall Iran...

Mitschnitt eines Vortrages vom 31. Mai 2006 aus München

Die USA schaffen mit Macht neue Staatenverhältnisse - Europa ringt um Beteiligung

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Gliederung

  • Iran versus Indien
    • eine neue amerikanische Atomwaffendiplomatie
    • Massenvernichtungswaffen unter US-Regie
  • Mit und ohne UNO - Die Konkurrenten Amerikas kämpfen um ihre Mitzuständigkeit
  • Vom Irak zum Iran
    • Die fortgesetzte Sortierung in Schurken und andere Herrschaften
    • Regimewechsel bei den Störenfrieden mit Krieg und Kriegsdiplomatie
    • "Nation building" als amerikanisches Dauerprogramm
  • Das Resultat - Lauter neue Gewaltaffären

Literaturhinweise

Argumente zur Außenpolitik der USA finden sich hier.

Argumente zur Iran-Politik der USA und der EU finden sich hier.

speziell:
„Groß-“, „Welt-“, „Super-“... Die Macht der USA und ihr Gebrauch
A. Der globale Gewalthaushalt, in GegenStandpunkt 2-1997

Die Verlängerung des Vertrags über die Nicht-Verbreitung von Atomwaffen -
Ein Beitrag zur Politik der USA für eine nukleare Weltordnung, in GegenStandpunkt 3-1995

„Nation-Building“ auf Amerikanisch:
Von der Eroberung des Irak zur Eröffnung neuer Fronten im „Krieg gegen den Terrorismus“, in GegenStandpunkt 4-2003

Demokratisierung des „Broader Middle East“
Demokratisierung des Irak
Wahlen als untaugliches Mittel zur Entscheidung des Machtkampfs im Irak, und warum sie dennoch sein müssen, in GegenStandpunkt 1-2005

09.06.06

Die Fussball Weltmeisterschaft - Pure Sportbegeisterung?

Mitschnitt einer Sendung von RadioX Frankfurt

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07.06.06

Die Einführung von Studiengebühren

Quelle: FarbeRot

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“Humankapital” wird zur Kasse gebeten

Die Einführung von Studiengebühren ist inzwischen beschlossene Sache. In allen Bundesländern und d.h. in allen Parteien ist der Streit um das Ob dem bildungspolitischen Austausch über die effektivste Modellvariante gewichen. Studierende an deutschen Hochschulen werden demnächst auf jeden Fall zur Kasse gebeten. Allenfalls dürfen sie sich ab sofort einmischen in die Frage, ob sie lieber Cash zahlen, Kredit aufnehmen wollen oder ein „System der nachgelagerten Studiengebühren“ favorisieren, das ihnen die Perspektive eröffnet, nach Studienabschluss vom Verdienten neben den üblichen Steuern und Abgaben gleich noch eine besondere Bildungssteuer entrichten zu müssen. In der Auswahl der Begründungen für die Verteuerung des Studiums haben sie gänzlich freie Hand: Ob es ihnen einleuchtet, dass es sich nur um einen Akt der Gerechtigkeit handelt, wo doch für Kindergärten und Badeanstalten auch gelöhnt werden muss, und wo „die gesamte Bevölkerung ein gebührenfreies Studium finanziert, von dem nur wenige profitieren“; ob man froh darüber sein soll, dass es sich hier nur um Beiträge von 500€ bis allenfalls 2000€ pro Semester handelt, wo doch ein Harvardstudium 35 000€ im Jahr kostet; oder ob sie sich dem nationalistischen Argument anschließen, dass nur so „unsere Universitäten“ wieder auf ein Niveau kommen, mit dem die „PISA-Blamage“ getilgt werden kann - das liegt ganz bei ihnen. Diese Freiheit haben sie noch.

Natürlich sollen den Studierenden nicht ausgerechnet mit der Einführung der Studiengebühren zusätzliche finanzielle Belastungen erspart werden. Auch um einen Dienst an der Gerechtigkeit geht es nicht: So ist mit Sicherheit nicht daran gedacht, mit der Einführung der Gebühren für „wenige“ Studenten im Gegenzug die „gesamte Bevölkerung“ steuerlich zu entlasten. Doch wenn die ASTA Uni Frankfurt feststellt, dass “in dem Maß, in dem Gelder von den Studierenden eingetrieben wurden, die Politik die Hochschuletats kürzte”, dann ist noch überhaupt nicht geklärt, wozu denn die Landesregierung Studeingebühren für längst überfällig erklärt. Und wenn man in den juristischen Streit einklinkt, ob in Hessen die Einführung von Studiengebühren “trotz Verbots in der Verfassung” wirklich rechtens ist oder nur “angeblich”, kümmert man sich entschieden nicht um die tatsächlichen bildungspolitischen Zwecksetzungen, verpasst also die harte Auskunft darüber, als was der Staat seine Studentenschaft sieht und warum er mit diesem seinem “Humankapital” so rau umspringt.

Die Einführung von Studiengebühren läuft unter Verteuerung „staatlicher Dienste“ am akademischen Nachwuchs. Darüber soll nicht nur eine neue Geldquelle erschlossen, sondern zudem der Hochschuletat von solchen Kosten entlastet werden, die die Länder für gänzlich überflüssig erachten. Sie nehmen sich gezielt die Kosten vor, die bei Studienzeiten anfallen, welche die staatlich festgelegte Regelstudienzeit überschreiten: Wer fürs Studium zusätzlich zahlen muss, der sieht zu, dass er möglichst früh fertig wird, lautet die Kalkulation, die auch aufgehen wird. Auf diese Weise zwingt der Staat die Studierenden zu einer ganz neuen Studienökonomie: Er bestraft den Fachwechsel, nötigt zur vollständigen Unterwerfung unter Studien- und Prüfungsordnungen, ahndet jeden Versuch, sich einmal in anderen Wissenschaften umzuschauen und untergräbt dabei auch jene Anstrengung, sich neben dem geforderten Stoff um dessen - in aller Regel dringend notwendige - Kritik zu kümmern. So wird die „Durchlaufgeschwindigkeit“ erhöht und der frühere Eintritt ins Berufsleben forciert. Die bildungsökonomische Rechnung erweist sich als nationalökonomische Berechnung: Das Verhältnis von „unproduktiver“, aber nötiger Ausbildungszeit zu „produktiver“ Benutzungszeit des ausgebildeten „Humankapitals“ verschiebt sich. Und genau darauf kommt es an: Früher und damit länger auf dem Arbeitsmarkt für nationale Belange zur Verfügung stehen, das ist der Dienst, der auch vom wissenschaftlich ausgebildeten Arbeitsvermögen verlangt wird. Deutlicher lässt sich kaum vorführen, wer hier eigentlich wem einen Dienst leisten soll: Vorgestellt wird die Verteuerung des Studiums als eine Honorierung der Dienste, die der Staat dem wissenschaftlichen Nachwuchs leistet. Und umgesetzt wird diese Verteuerung ganz umgekehrt als eine Dienstleistung der angehenden Elite an den nationalökonomischen Berechnungen des Staates.

In den letzten Jahren hat es jede Menge Studenten gegeben, die all das nicht einfach sang- und klanglos hinnehmen wollen. Mit der einen oder anderen Kritik haben sie sich durchaus zu Wort gemeldet: Sie werfen dem Staat vor, mit den Studiengebühren einen „sozialen Numerus Clausus“ einzuführen. In der Tat sind sie das und das sollen sie auch sein. Wenn das Studium mehr noch als bisher zum ökonomischen Risiko wird, entscheidet selbstverständlich der finanzielle Hintergrund der Familie, aus der ein Student kommt, mehr noch als bisher darüber, ob man sich das Risiko eines Studiums leisten kann. Selbstverständlich werden Kinder aus einkommensschwachen Schichten verstärkt von den Hochschulen und dadurch von den angenehmeren Berufen und Einkommen ausgeschlossen. Und selbstverständlich stehen Bildungspolitiker auf dem Standpunkt, dass Leute, die das finanzielle Risiko nicht tragen wollen, ohnehin nicht mit der rechten ökonomischen Motivation studieren, also auf der Universität auch nichts verloren haben. Nur ist die Sache mit dem Sozial-NC etwas gröber beschaffen, als die Kritiker sich das vorstellen. Denn erstens ist das ganze Bildungssystem ein „sozialer Numerus Clausus“, in dem Wissen eben nicht „für alle“ da ist, sondern Mittel der Auslese zwecks Sortierung der jungen Menschen auf die Hierarchie der Klassengesellschaft. Wenn der Staat jetzt diesen Gesichtspunkt mit neuer Härte an seine Hochschulen anlegt, stellt er zweitens klar, was er von dem studierenden Nachwuchs will: Das Studium ist nicht eine Zeit des Lernens, sondern eine Zeit des Strebens nach Höherem, das man sich etwas kosten lassen muss, das man sich deshalb aber auch selbst erarbeitet hat. Moderne Studenten sollen sich als „etwas Besseres“ verstehen und dafür in sich investieren. Schließlich werden sie dafür ausgebildet, auf den höheren Rängen seiner Klassengesellschaft die „Masse“ zu beaufsichtigen. Die studierende Jugend soll also für sich – und damit für den Staat – die Gleichung wahr machen, dass der Aufstieg auf die höheren Posten die eigene Leistung ist und das Recht verleiht, den davon ausgeschlossenen sozialen Schichten zu sagen, wo’s langgeht.

Auch gegen die staatliche „Ökonomisierung“ der Hochschulen ziehen kritische Studenten zu Felde und verkünden die Parole „Bildung ist keine Ware“. Damit wollen sie nichts gegen die herrschende politischen Ökonomie der Ware gesagt haben, die unvereinbar ist mit einer rationellen Produktion und Versorgung der Menschheit mit nützlichen Gebrauchswerten. Dass hierzulande bloß der geldwerte Reichtum zählt, besagt schließlich, dass jemand das, was er zur Befriedigung seiner materiellen oder auch ideellen Bedürfnisse braucht, kaufen muss, dass also nicht jeder das bekommt, was er braucht, weil der Kauf vom Geld abhängt, über das einer verfügt oder auch nicht. Mit dem Kapitalismus und seiner „ungeheuren Warenansammlung“ haben sich die Kritiker längst abgefunden, wenn sie jetzt moralisch anklagen, dass ausgerechnet auch noch die Bildung zur Ware gemacht wird. Hier wäre doch, so monieren sie, eine Ausnahme von der Regel der kapitalistischen Warenproduktion geboten. Dass der Staat die Hochschulbildung nicht mehr kostenlos bereitstellen will, sondern als zu bezahlende Dienstleistung reorganisiert, das – so finden die Kritiker – passt doch gar nicht zu dem hohen Gut Bildung. Kein Widerspruch zu der hohen Meinung, die sie von der Bildung im Kapitalismus haben, ist für sie offensichtlich der Sachverhalt, dass der Mensch gezwungen ist, sich mit dem hohen Gut Bildung auszustatten, um sich als qualifizierte Ware Arbeitskraft an einen Arbeitgeber verkaufen zu können.