Gewerkschaft und Öffentlichkeit decken auf:
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 28. November 2005
Bei Aldi, Lidl, Schlecker und Co. herrschen glatt „Zustände wie im Kapitalismus“!
Normalerweise haben Kapitalisten eine gute Presse. Sie werden gelobt für ihre „Initiative“, ihre „Risikobereitschaft“ und für die „Arbeitsplätze“, die sie „schaffen“. Aber Journalisten können auch anders. Einige schließen sich einer Kampagne der Gewerkschaft ver.di gegen die Einzelhändler Aldi, Lidl und Schlecker an und erheben schwere Vorwürfe:
- Von den Löhnen, die die Discounter zahlen, kann man nicht leben: Sie beschäftigen zu „90 % Frauen“, die „Teilzeit“ arbeiten und ein Einkommen beziehen, das „keine eigenständige Existenz“ ermöglicht.
- Extrem lange und unbegrenzt flexible Arbeitszeiten plus jede Menge unbezahlte Überstunden. Auch in der Freizeit muss bei Bedarf gearbeitet werden.
Eine Gewerkschaftssprecherin entdeckt da doch tatsächlich einmal die Ausbeutung des Personals als Quelle des Gewinns und spricht den ungeheuerlichen Verdacht aus, dass „Schlecker Profit auf Kosten der Mitarbeiter macht“. Journalisten warten mit der sensationellen Enthüllung auf, dass man so reich wie die Gebrüder Albrecht womöglich nicht durch eigene Arbeit wird, sondern dadurch, dass man andere gegen Lohn für sich arbeiten lässt.
Warum die Angestellten sich unter diesen Bedingungen für den Dienst am Reichtum der Schleckers und Albrechts hergeben, ist den Kritikern kein Rätsel. Die Leute haben einfach „Angst, den Job zu verlieren“, und sind ohne ihn aufgeschmissen: „Wenn man das Geld braucht, lässt man sich viel gefallen.“ Nicht einmal zu einem Interview mit der Presse sind sie bereit; und wenn doch, dann nur, wenn ihr Name nicht genannt und Vertraulichkeit gewahrt wird. Denn die Arbeitgeber nutzen ihre Macht über den Lebensunterhalt ihrer Beschäftigten weidlich aus. Wer nicht spurt, kriegt „Druck“; den Mitarbeitern wird ständig und ausdrücklich bedeutet, wie ersetzbar sie sind. Mit versteckten Kameras, Detektiven und Taschenkontrollen werden nicht nur die Kunden überwacht, sondern auch die Angestellten daran erinnert, dass sie keine Chance haben, die Firma um ihr Recht auf Arbeit und Eigentum zu betrügen, also z. B. Pause zu machen, wenn es keiner sieht, oder gar Waren mitgehen zu lassen und sich auf die Art schadlos zu halten. Umgekehrt nehmen es die Firmenchefs mit der Rechtslage weniger genau: Gesetze, Tarifverträge und Arbeitsverträge werden großzügig ausgelegt. Dabei ist „leider“ oft unklar, was genau ihnen tatsächlich verboten und was gerade noch erlaubt ist, so dass die Arbeitsgerichte Leuten wie den Schleckers viel zu selten ihre Grenzen aufzeigen.
Da schildern Presseleute also einmal, wie der Arbeitnehmeralltag im Handel aussieht, worauf die Disziplin der Arbeitskräfte sowie die viel bewunderte Effizienz der Discounter beruhen. Und kaum gesagt, bestehen sie auch schon darauf, dass sie auf gar keinen Fall die kapitalistische Normalität am Wickel haben, sondern Ausnahmen, Abweichungen, schwarze Schafe. Sie entdecken bei Aldi, Schlecker und Lidl nicht den erfolgreichen Unternehmer, sondern fiese „schwäbische Geizhälse“ und geheimnisvolle Sonderlinge“ – als ob sie nicht gerade über das Erfolgs„geheimnis“ erfolgreicher Pioniere des modernen Einzelhandels Bericht erstatten würden. Als ob es irgendwie außergewöhnlich wäre, dass Jobs unsicher sind und Belegschaften damit zu Lohnverzicht und Extra-Leistungen erpresst werden.
Im Fall der Lebensmittel- und Drogerieketten soll das alles etwas ganz Spezielles sein. Da sieht man die Grenze des bürgerrechtlich Vertretbaren überschritten und vermag präzise zu unterscheiden zwischen einer schikanösen und der sachlich gebotenen Überwachung des Personals, zwischen Arbeitshetze und einem effektiven Arbeitsrhythmus, zwischen Lohndumping und angemessener Bezahlung im Niedriglohnsektor. Was anderswo als Sachzwang durchgeht, der aus Globalisierung, Konkurrenz und Konjunktur folgt, wird bei den großen Discountern als Ergebnis von Raffgier und Profitsucht angeprangert. Was aber tun die Lidls und Schleckers denn anderes, als erstens die Macht des Arbeitgebers, zweitens die Freiheiten, die der Arbeitsvertrag ihnen ohnehin gewährt, und drittens die erweiterten Freiheiten, die Schröders Arbeitsmarktreformen ihnen eröffnet haben, bis an die Grenzen auszunutzen? Ganz im Geiste dieser Republik und im Sinne ihrer Reformpolitik, mit Niedriglöhnen, befristeten Verträgen, Teilzeitarbeit, 380€-Jobs usw. haben sich Aldi, Schlecker & Co. ihr Unternehmerparadies geschaffen. Von wegen „Gutsherrenart“ beim Arbeitgeben: Sie praktizieren bereits das „Beschäftigungsmodell“ der Zukunft.
Den Sündenfall der erfolgreichen Revolutionäre des Einzelhandels, der ihrer Person einige Verbalinjurien, ihrer effektiven Lohn- und Personalpolitik das Etikett Ausbeutung einträgt, lokalisieren ver.di und ihre journalistischen Sympathisanten an genau einem Punkt: Die Discountriesen mit konzernweit 30.000 bis 50.000 Beschäftigten bestehen darauf, dass jede ihrer Filialen mit 2 bis 5 Beschäftigten ein Kleinunternehmen sei, auf das die gesetzlichen Regelungen für die Belegschaftsvertretung nicht anwendbar sind. Sie lassen die Gründung von Betriebsräten nicht zu und bedrohen Angestellte, die es versuchen. Dagegen wird polemisiert – fast scheint es so, als wäre ein Betriebsrat nicht nur das große Anliegen der Gewerkschaft, sondern ein moralisches Recht der „Menschen in Deutschland“, auf das die unbestechliche „4. Gewalt“ im Staat allergrößten Wert legt. Dass die Ausgebeuteten formell als Vertragspartei mit eigenen Interessen und Rechten anerkannt werden; dass ihre Anliegen einen Vertreter im Betrieb haben, mit dem sich die Geschäftsleitung, ohne gleich mit Kündigung drohen zu können, um Einvernehmen bei der Durchsetzung ihrer Forderungen zu bemühen hat: das gilt als zivilisatorische Errungenschaft, die auch in Zeiten von Niedriglohn und Deregulierung Bestand haben soll. Ohne sie herrscht, was Gewerkschaften am Kapitalismus kritisieren: statt der grundvernünftigen Logik des Profits – die Willkür des Unternehmers. Ohne Betriebsrat ist der Kapitalismus böse; mit ihm sind alle Zumutungen für die Belegschaft stellvertretend geprüft und eingesehen, also Sachzwänge, denen von den Angestellten im eigenen Interesse am Erhalt des Arbeitsplatzes Folge zu leisten ist. Unter Mitwirkung und Kontrolle eines Betriebsrats geht in Ordnung, was ohne ihn ein Anschlag auf die Menschenwürde wäre.
Denn dass für die arbeitenden Frauen im Einzelhandel Entscheidendes anders und besser würde, wenn ein Betriebsrat ihre Arbeitsverhältnisse mitverantwortet: Das suggerieren die kurzfristig aufgeregten Journalisten und kämpferischen Verdi-Gewerkschafter zwar, wenn sie die gegeißelten Zustände im Einzelhandel mit fehlender Belegschaftsvertretung in Zusammenhang bringen; wahrscheinlich hoffen auch manche der Betroffenen, bei denen die Aktivisten von ver.di Anklang finden, auf ein bisschen weniger Drangsalierung im Job; und die Vorstände von Aldi & Co. fürchten möglicherweise ernstlich um ihre Rendite, wenn sie sich über die Ausbeutung ihres Personals überall mit gewählten Vertretern und Gewerkschaftsfunktionären absprechen müssten. Tatsächlich denkt aber niemand an eine Abschaffung elender Arbeitsbedingungen und erbärmlicher Löhne in diesem Gewerbe; und so etwas droht den Unternehmern auch nicht. Die großen Discounter – und keineswegs nur die – haben ihre Freiheit weidlich genutzt und Massen von miesen „Arbeitsplätzen geschaffen“; die sind keine Ausnahme, sondern fester Bestandteil des Arbeitsmarktes für „gering und Un-Qualifizierte“; und genau deswegen will die Gewerkschaft auch hier präsent sein. Sie will diese elenden Arbeitsplätze betreuen und ihnen damit, eben durch ihre schiere Präsenz als anerkannte Arbeitnehmerinteressenvertretung, den Charakter des Außerordentlichen und Prekären, des Willkürlichen und Ausbeuterischen nehmen und den Status von normalen, den geltenden Normen entsprechenden Beschäftigungsverhältnissen verschaffen. Nach dem Motto: Wenn derartige Jobs schon an der Tagesordnung und in der modernen Betriebspraxis gang und gäbe sind, dann soll es mit ihnen auch gewerkschaftsseitig und betriebsverfassungsmäßig seine Ordnung haben. Das ist die ganze entscheidende Verbesserung in der Lage der Belegschaften, auf die die Gewerkschaft aus ist. Und das ist es auch, was die freiheitliche Öffentlichkeit sich einmal zwei Wochen lang sagen und einleuchten lässt: Gerade wenn es heutzutage schon längst normal ist, unter den bescheidensten Verhältnissen für bescheidenstes Entgelt zu arbeiten, dann sollen doch nicht ausgerechnet die Arbeitgeber so unnormal agieren und darauf bestehen, dass ausgerechnet die Institutionen bei ihnen nichts zu suchen haben, die doch genau dafür gut sind, den Verhältnissen im Namen ihrer Opfer ihre Normalität zu attestieren.
Manchem Groß-Discounter leuchtet inzwischen ein, dass er mit Gewerkschaft und Betriebsrat tatsächlich nicht unbedingt schlecht fahren muss. Wenn seine Sache unter Mitwirkung der Arbeitnehmervertretung abgewickelt wird, sorgt das vielleicht sogar für weniger Frust bei und in der Folge weniger Ärger mit der Belegschaft und für ein konstruktiveres, also leistungssteigerndes Betriebsklima. Während der verbohrte Albrecht Süd noch immer Betriebsräte bis aufs Messer bekämpft, lernt der Bruder bereits um: „Aldi Nord wird humaner“. Der Lohn des „zähen Kampfes“: „Dort schauen die Manager inzwischen sogar bei Betriebsversammlungen vorbei und trinken Kaffee mit den Kolleginnen von der Kasse.“ (SZ, 8.3.)
Na also, es geht doch! Statt einem „Klima der Angst“ ein Kaffeeplausch mit den lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: So mag die Gewerkschaft ihren Aldi. Und die arbeitnehmerfreundlich empörte Presse darf sich wieder abregen.
Hier gibt's das ganze auch zum Anhören...