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25.10.05

Das "System VW" und sein angemessener Abgang

Veranstaltung

am: Donnerstag, 3.11.05, 19.00 Uhr
im: Bürgerhaus Weserterrassen, Osterdeich 70 b, Bremen

Vom gelobten "Golfsburg" über den Skandal "Lustreisen" zur Hetze gegen "Luxuslöhne"

Das "System VW" und sein angemessener Abgang

Noch vor kurzem lobten Politiker und Meinungsmacher VW als Modell für den deutschen, den sozialpartnerschaftlichen Kapitalismus. Dann fliegen ein paar Managermachenschaften auf, zum saftigen Skandal werden aber erst die "Lustreisen" des Betriebsrats, und der Skandal ist nicht mal mit dem Sturz von Personalchef Hartz ausgebrannt. Mit Fehltritten von Personen ist die Sache nicht zu klären, faul ist das "System VW" - so die Botschaft. Seither entdecken Meinungsmacher auch am Fließband eine "Wolfsburger Wärmestube“, in der "Luxuslöhne" spendiert werden. Was irgendwie irgendwas zu tun haben soll mit den nicht korrekt verbuchten Herrenpartien der Chefs und Betriebsräte.

Fragt sich: Gibt es ein "System VW"? Geht man der Frage etwas nach, stößt man auf anderes als das in Bild und Spiegel geifernd ausgemalte Sittengemälde:

  • Gestern war das "System VW" eine Sozialpartnerschaft von Kapital & Betriebsrat & Gewerkschaft & Politik, in der das VW-Kapital zum Multi gewachsen ist, wovon auch Region und Nation profitiert haben. Die VW-Arbeiter erfüllten jedes Soll und waren dankbar, dass man mit VW-Lohn sogar zurechtkommen konnte, wenn man sich anstrengte.
  • Heute ist das "System VW" ein "Co-Management" von Konzernleitung und Betriebsrat, in dem z.B. jüngst für VW-Arbeiter in Wolfsburg mal eben 20% Lohnkürzung bei 20-45% Arbeitszeitverlängerung ausgehandelt werden kann. Und die VW-Arbeiter sind zufrieden, die überhaupt noch arbeiten dürfen für VW, und erfüllen jedes Soll.

Nicht die VW-Arbeiter kündigen dieses System. Nein, seine Nutznießer, Politiker, Konzernleitung und Meinungsmacher wollen das "System VW" ausmisten, "schonungslos" (Wulff). Fragt sich nur: Warum?

21.10.05

Du bist Deutschland

Wer kennt sie nicht, die nervigen Plakate mit der fast schon bedrohlichen Auskunft "Du bist Deutschland".

Hier eine Sendung zu diesem Thema von RadioX/Frankfurt (MP3, ca. 12 Mbyte).

Quelle: farbeRot

Update (06.11.2005): Hier gibt's das Ganze auch noch mal zum Lesen (auch als PDF).

19.10.05

Fortschritte des US-Antiterrorkriegs im Nahen Osten (Teil 2)

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 17. Oktober 2005

Wie die palästinensische Autonomiebehörde durch mehr Demokratie unter Anleitung der USA und durch die gewaltsame Durchsetzung eines Gewaltverzichts gegen Hamas und andere radikale Gruppen Israel dazu bringen will, doch noch einen palästinensischen Staat zuzulassen.

Die palästinensische Politik hat seit der Wahl von Abbas zum Präsidenten im Januar die bewaffnete Intifada gegen die israelische Besatzung für beendet erklärt:

„… jeder Krieg hat ein Ende ... jetzt ist die Zeit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.“ (Abbas im Interview, NYT, 14.2.)

Mit seiner freiwilligen Unterordnung unter die globale „Bekämpfung des Terrors“ und der Einführung demokratischer Strukturen setzt Abbas darauf, dass die USA die Gründung eines palästinensischen Staats, der sich im Sinne der amerikanischen Anforderungen reformiert, bei der Regierung in Jerusalem durchsetzen. Abbas wird dafür nach Washington eingeladen und mit viel Lob bedacht:

„Die Wahl von Präsident Abbas vor vier Monaten ist ein Zeichen für die Anerkennung der Attraktivität und der Stärke der Demokratie [...] in der ganzen Region. Die Palästinenser stimmten gegen die Gewalt und für die Souveränität, weil nur der Sieg über die Gewalt zur Souveränität führt. [...] Wir werden Ihnen zur Seite stehen, Herr Präsident, wenn Sie die Korruption bekämpfen, den palästinensischen Sicherheitsapparat und das Justizsystem reformieren und Ihre Wirtschaft wieder beleben.“ (Ansprache Bushs beim Besuch von Abbas, Jordan Times, 27.5.)

Dafür setzt Bush allerdings Bedingungen: Abbas soll die militanten Palästinenser entwaffnen und hinter Gitter bringen, obwohl er noch nicht einmal über einen dafür geeigneten Sicherheits- und Justizapparat verfügt. Dennoch soll er das sorgfältig austarierte System von Polizeikräften, Milizen und Geheimdiensten – unter Arafat eine relativ verlässliche Stütze der Autonomiebehörde – abschaffen, um es durch ein aus Sicht Washingtons übersichtlicheres und vertrauenswürdigeres zu ersetzen. Die USA verlangen neue Figuren in der politischen Führung, denen sie größere Kooperationsbereitschaft zutrauen, und „vollständige Transparenz“ in der Verwaltung der Gelder, über die die Autonomiebehörde verfügt. Zudem soll die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) eine „Wiederbelebung der Wirtschaft“ schaffen, obwohl das Gros der Palästinenser entweder von Tagelöhnerei bei israelischen Arbeitgebern oder von Zuwendungen des UNO-Flüchtlingshilfswerks (über)lebt.

Als Gegenleistung ist Bush zu mehr als einer Empfehlung an Scharon, ein lebensfähiges Staatswesen für die Palästinenser nicht schon im Vorfeld zu verbauen, nicht bereit. Die US-Regierung hat kein positives Interesse an der Gründung eines souveränen palästinensischen Staates, schon gar nicht in den Dimensionen, die die Palästinenser fordern. Sie ziehen bestenfalls die Gründung eines palästinensischen Homelands in Betracht, das sich bloß deshalb „Staat“ nennen darf, weil es von den USA und ihren Verbündeten, vor allem aber von Israel kontrolliert wird. Entscheidend ist für Bush, die Stellung Israels als verlässliche Kontrollmacht in der Region zu festigen. Darum sollen zur Beilegung des Nahost-Konflikts auch in erster Linie die arabischen Nachbarn ihre Haltung zu Israel und der amerikanischen Aufsichtsmacht ändern. Bevor Israel in die Pflicht genommen wird, sind erst einmal die arabischen Staaten gefordert:

„Die arabischen Staaten müssen konkrete Maßnahmen treffen, um ein dem Frieden förderliches regionales Umfeld zu schaffen. Sie müssen finanzielle Hilfe anbieten, um die Friedensbemühungen von Präsident Abbas zu unterstützen. Und sie müssen sich weigern, Terroristen zu helfen oder Unterschlupf zu gewähren.“ (ebd.)

Wie der Lohn dafür ausfallen wird, lässt die Bush-Regierung ganz bewusst im Ungewissen. Der einzige Fortschritt, den Abbas für sich verbuchen kann, ist, dass ihm die Feindschaft Amerikas vorerst erspart bleibt – solange die USA auf ihn als „Hoffnungsträger“ setzen. Um sich diese Position zu erhalten, kommt Abbas den Forderungen der USA nach. Er handelt mit den militanten palästinensischen Gruppen einen Waffenstillstand aus. Israel verspricht ihm dafür, dass es die Liquidierungsaktionen gegen Hamas und Dschihad einstellt und nur noch „Attentäter auf dem Wege zur Tat“ vorbeugend hinrichtet. Er wechselt die Führung der Sicherheitsdienste aus. Das Finanzwesen wird neu geordnet, Kommunalwahlen werden durchgeführt und Parlamentswahlen angesetzt.

Abbas will die radikalen Kräfte in die PA integrieren, um den USA zu beweisen, dass ein friedlicher Palästinenserstaat möglich ist, wenn Israel seinerseits den Krieg beendet und ihn zulässt. Dafür braucht er die Unterstützung der radikalen Gruppen, die Kooperation Israels und schließlich vor allem die Hilfe der USA.

Deswegen setzt sich Abbas seitdem mit Israel nur noch über die Bedingungen auseinander, unter denen es überhaupt bereit ist, einen „Prozess vertrauensbildender Maßnahmen“ einzuleiten. Israels offensive „Sicherheitspolitik“ sabotiert nämlich alle Bemühungen der PA um die Befriedung ihres Gemeinwesens und ein einvernehmliches Stillhalteabkommen mit den Radikalen. Gleichzeitig verhindert die israelische Regierung, dass die palästinensische Polizei mit längst bereitgestellten Waffen ausgerüstet wird, um ihrer Aufgabe, Anschläge gegen Israel zu unterbinden, gerecht werden zu können.

Die PA ist dabei in jeder Hinsicht auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen: aus Ländern, die auf politischem Wohlverhalten als Vorbedingung für Hilfeleistung bestehen und bei den Kriterien für solches Wohlverhalten weitgehend der Lesart Israels folgen. Allen seinen Unterstützern muss Abbas daher beständig Gutwilligkeit und Erfolge bei der Gleichschaltung seines Gemeinwesens vorweisen. Ägypten nimmt den „Friedensprozess“ z. B. als Gelegenheit wahr, sich als regionale Ordnungsmacht ins Spiel zu bringen; die EU-Staaten und Russland bieten Abbas finanzielle Unterstützung an, um ihren Einfluss in der Region zu wahren, wollen aber auch Konflikte mit den USA vermeiden. Die haben nämlich die Oberaufsicht: General Ward überwacht den Umbau der Sicherheitsapparate, der ehemalige Weltbank-Präsident Wolfensohn überprüft die Vorschläge der Palästinensischen Autonomiebehörde, die diese zur Linderung der unerträglichen Lebensverhältnisse infolge des Mauerbaus macht und koordiniert die Pläne für die Nutzung der frei gewordenen Gebiete im Gazastreifen. Nach den Erfolgen der Hamas bei den Kommunalwahlen drängt Washington, das der PA jahrelang manipulierte Wahlen vorgeworfen hat, Abbas, die Parlamentswahlen um ein halbes Jahr zu verschieben. Bis dahin soll er die Entwaffnung der militanten Gruppierungen vorantreiben und den Sieg gemäßigter Kräfte bei dem anstehenden Urnengang sicherstellen. In seiner eigenen Fraktion, der Fatah, hat Präsident Abbas es mit alten Kadern zu tun, die im Verzicht auf den bewaffneten Kampf nicht einen neuen Weg zu einem palästinensischen Staat, sondern die Preisgabe der „palästinensischen Sache“ überhaupt sehen: eine Unterwerfung unter israelisches Diktat und die Anerkennung der Pflicht, als verlängerter Arm israelischer Sicherheitsinteressen zu fungieren. Alle Palästinenserfraktionen haben zwar im März die „Kairoer Erklärung“ unterschrieben, in der ein Waffenstillstand festgelegt wurde. Gleichzeitig verpflichten sich die Unterzeichner aber auf das Ziel „eines souveränen palästinensischen Staates mit Jerusalem als Hauptstadt“ und das „Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr in ihre Heimat zu ihren Besitztümern“. Sie unterstreichen das „Recht auf Widerstand“ und fordern die „Freilassung aller palästinensischen Gefangenen“. Je mehr sich Israel weigert, seine Versprechen einzuhalten, desto brüchiger wird der Waffenstillstand, desto schärfer wird gleichzeitig die Kritik an Abbas als „Handlanger der USA“ und desto offensiver wird die Autorität der palästinensischen Regierung in Frage gestellt.

Die Bemühungen des palästinensischen Autonomiepräsidenten, Hamas und Dschihad in eine „Regierung der nationalen Einheit“ einzubinden, sind folgerichtig gescheitert. Hamas will nicht bei einer Politik kollaborieren, mit der der Gazastreifen in ein „großes Gefängnis“ für Palästinenser verwandelt würde. Sie wäre bereit „das Existenzrecht Israels anzuerkennen“, aber nur, wenn die Palästinenser dafür „einen souveränen Staat mit Jerusalem als Hauptstadt“ erhalten, mit weniger will sie sich nicht zufrieden geben. Vor der Wahl kommt eine Unterordnung unter die amtierende Regierung schon gleich nicht in Betracht. Dass Hamas sich im Falle einer Niederlage der auf Amerika ausgerichteten Politik unterordnen würden, verspricht sie nicht und ihre Waffen will sie auch nicht abgeben, bevor „Israel alle besetzten Gebiete geräumt hat“. Der Waffenstillstand während des Abzugs der Israelis aus dem Gazastreifen wurde nur deshalb eingehalten, weil Hamas keine „nationale Katastrophe“ wolle. Noch während des Rückzugs feiert die Hamas mit martialischen Aufzügen ihrer „Volksarmee“ den Rückzug Israels als Sieg ihres Widerstandes und droht damit, die frei gewordenen Gebiete zu besetzen, damit nicht die PA im Alleingang entscheidet, was aus ihnen wird.

In dieser Lage versichert Präsident Abbas: „Es kommt keineswegs zu einem Bürgerkrieg.“ Nur – woraus speist sich eigentlich seine Zuversicht? Die Gegensätze zwischen den Parteien produzieren doch fortlaufend Gründe & Anlässe für Bürgerkrieg. Die Abbas-Leute setzen ganz offen auf machtvolle äußere Kräfte im arabischen Lager, die die Radikalen zügeln. Deshalb hofft Abbas, dass die radikalen Gruppen aus Furcht vor einer „nationalen Katastrophe“ vor einem Bürgerkrieg zurückschrecken, den sie ohnehin nicht gewinnen können und der nur Israel in die Hände spielen würde.

Kurzfassung des 2. Teils von:

Fortschritte des US-Antiterrorkriegs im Nahen Osten
In: GegenStandpunkt 3-05

Der GegenStandpunkt 3-05 ist am 16. September 2005 erschienen und ist direkt beim Verlag oder im Zeitschriftenhandel (ISSN 0941-5831) erhältlich.

13.10.05

Fortschritte des US-Antiterrorkriegs im Nahen Osten (Teil 1)

Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 10. Oktober 2005

Israels Rückzug aus dem Gazastreifen

Auch nach dem Abzug der Siedler und der Armee aus dem Gazastreifen demonstriert Israel, dass es nach wie vor die Kontrolle über dieses selbstverwaltete Internierungslager für 1,5 Millionen Palästinenser behält: Letzte Woche gab es wieder die präventiven Hinrichtungen mutmaßlicher Terroristen und vor einer Wiedereröffnung des Flughafens muss die Abbas-Administration erst den Beweis erbringen, dass sie mindestens ebenso rücksichtslos gegen militanten Widerstand vorgeht, wie Armee und Polizei der Besatzungsmacht. Es zeigt sich jetzt, dass der von den USA Scharon im April 2004 abgehandelte einseitige Rückzug aus dem Gazastreifen von Israel als diplomatischer Schachzug zur endgültigen Abwicklung „road map“ konzipiert wurde. Weil Israel „keinen Partner auf palästinensischer Seite“ habe, mit dem es über einen Frieden verhandeln kann, sind alle international abgesegneten Verhandlungspläne illusorisch, ergo null und nichtig. Israel entscheidet ab sofort einseitig – natürlich in Absprache mit den USA -, wie es mit den Palästinensern verfährt.

Da die Bush-Regierung die militärische Eliminierung der Palästinensischen Autonomiebehörde samt Abschiebung der Palästinenser in die arabischen Nachbarstaaten immer noch nicht zulässt, setzte Scharon das Palästinenser-Ghetto in und um Gaza durch. Dieses Zugeständnis haben die USA verlangt, die zwar weiterhin strikt parteilich für Israel sind, aber den anti-palästinensischen Kampf Israels nicht mehr mit „Kampf gegen den Terror“ gleichsetzen und bedingungslos unterstützen. Bush will nun auch den neuen Palästinenser-Präsidenten Abbas für seinen „Krieg gegen den Terrorismus“ benutzen und gibt ihm die großartige Chance, sich in diesem Kampf praktisch zu bewähren, indem er innerhalb seines Kommandobereichs mit „terroristischen Bestrebungen“ aufräumt – woran er dann ständig seine Zuverlässigkeit unter Beweis stellen muss. Die USA haben deswegen Israel aufgetragen, durch den Rückzug aus 365 idyllisch am Mittelmeer gelegenen Quadratkilometern Sand und Dünen die „Vision eines palästinensischen Staates“ irgendwie am Leben zu erhalten. Das widerspricht zwar dem zionistischen Staatsgründungsprogramm Israels und behindert seinen Willen, Palästinensergebiete zur Wiederherstellung von Erez Israel in seinen alttestamentlichen Grenzen zu annektieren. Aber Scharon, der sich seinem Schutzherrn weder verweigern kann noch will, weiß, welche Vorteile in diesem Zugeständnis enthalten sind und wie er sie für seine Sache einsetzen wird.
Für Palästina wesentliche Staatsgründungs-Fragen – Grenzen, Rückkehr der Flüchtlinge und palästinensische Hoheitsrechte – sind damit vorentschieden, und zwar zugunsten Israels. Die USA gestehen Israel nämlich als Lohn für die freiwillige Räumung eines Stücks eroberten Gebietes ein wesentlich größeres Territorium zu, als in den einschlägigen UNO-Resolutionen beschlossen:
„Im Lichte der neuen Realitäten im Lande, insbesondere bereits existierender großer Zentren mit israelischer Bevölkerung, ist es unrealistisch zu erwarten, dass sich bei den Endstatus-Verhandlungen eine vollständige Rückkehr zu den Waffenstillstandslinien von 1949 ergeben wird... Es ist realistisch anzunehmen, dass ein Endstatus-Vertrag nur auf Basis beidseitig akzeptierter Veränderungen, die die Realitäten berücksichtigen, erreicht werden kann.“ (Bush in einem Brief an Scharon)
Die USA akzeptieren damit den Fortbestand der großen israelischen Siedlungsblöcke im Westjordanland mit der Einschränkung, dass Israel sie nicht ausweitet. Die von Israel seit 1967 geschaffenen Fakten werden damit von der Weltaufsichtsmacht ratifiziert. Bush segnet auch die zum großen Teil auf palästinensischem Boden errichtete Mauer als eine „Sicherheits-Grenze“ zum „Schutz der jüdischen Bevölkerung“ ab.

Israel weitet mit der Integration von Siedlungen ins israelische Kernland nicht nur sein Staatsgebiet aus, sondern präjudiziert für jeden irgendwie dennoch einmal entstehenden palästinensischen Staat, dass dessen Ökonomie und Administration unter der Kontrolle der israelischen Regierung steht und von deren Lizenzen abhängt. Ostjerusalem, de facto ohnehin schon annektiert, wird vom palästinensischen Territorium abgeschnitten. Durch die Erweiterung israelischen Hoheitsgebiets wird jeder künftige Palästinenserstaat in zwei voneinander getrennte Gebiete zerstückelt.
Wenn schon ein „palästinensischer Staat“ wegen der amerikanischen Nahost-Politik langfristig nicht verhindert werden kann, dann soll er sich auf den Gazastreifen beschränken. Das hat erstens harte Konsequenzen für die Flüchtlingsfrage, derentwegen die palästinensische Staatsgründungsbewegung nicht zuletzt entstanden ist. Präsident Bush hat Scharon in dem bereits zitierten Brief zugesichert, dass

"die USA fest der Sicherheit Israels und seinem Wohlergehen als jüdischer Staat verpflichtet sind. Es scheint klar, dass eine einmütige, gerechte, faire und realistische Lösung für das Problem der palästinensischen Flüchtlinge als Teil des Endstatusvertrags nur durch die Gründung eines palästinensischen Staates und die Ansiedlung der Flüchtlinge in ihm – nicht in Israel – gefunden werden kann."

Washington erkennt das völkische Staatsprogramm Israels an und akzeptiert, dass dessen Regierung die Rückkehr volksfremder Elemente ablehnt. Das „Recht auf Heimat“ der Palästinenser kann „realistischer“weise bestenfalls als Unterbringung in einem noch zu schaffenden Palästinenser-Ghetto durchgesetzt werden. Zweitens gesteht der US-Präsident Israel auch ausdrücklich das Recht zu, die Außengrenzen des Gazastreifens nach der Räumung weiter zu kontrollieren, gewährt der Autonomiebehörde also keinen von ihr gesicherten Weg – eine so genannte „gesicherte Passage“ – zwischen Gaza und der Außenwelt:

"Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, dass nach dem Rückzug Israels aus dem Gazastreifen – vorbehaltlich neuer Vereinbarungen – die existierenden Regelungen über die Kontrolle des Luftraums, der Territorialgewässer und der Land-Passagen zwischen Gaza und der Westbank in Kraft bleiben." (ebd.)

Diese Regelung, die mit dem legitimen Sicherheitsbedürfnis des jüdischen Staates begründet wird, gestattet Israel auch ohne militärische Okkupation die wirtschaftliche und politische Kontrolle der Palästinenserautonomie. Deren Forderungen, wenigstens Ägypten oder der UNO die Kontrolle der Land- und Seegrenzen sowie des Luftraums zu übertragen, wenn ihr dieses Souveränitätsrecht verweigert wird, um damit die Abhängigkeit von Israel zu reduzieren, stoßen auf massive Vorbehalte. Israel will sich die Oberaufsicht über die palästinensische Selbstverwaltung nicht nehmen lassen und besteht auf seinem Recht, jederzeit im Gazastreifen einzumarschieren, wenn es seine Sicherheitsinteressen erfordern.
Die USA interpretieren wegen des „mutigen Schritts“, den Scharon mit dem Abzug aus Gaza angeblich „vorgeleistet“ hat, die „road map“ weitgehend in der Auslegung der israelischen Regierung. Bush in seinem Brief:

"Nach der road map müssen die Palästinenser unmittelbar und überall den Stopp von bewaffneten Aktivitäten und gewalttätigen Handlungen gegen Israelis herbeiführen; alle offiziellen palästinensischen Institutionen müssen die Hetze gegen Israel einstellen. Die palästinensische Führung muss entschlossen gegen den Terror vorgehen; dazu gehören dauerhafte, gezielte und effektive Operationen zur Beendigung des Terrorismus und die Zerstörung terroristischer Potentiale und Infrastruktur. Die Palästinenser müssen eine umfassende und grundlegende politische Reform durchführen, dazu gehören eine starke parlamentarische Demokratie und ein mit Macht ausgestatteter Ministerpräsident." (ebd.)

Jetzt hat Israel nach Auffassung seiner Regierung mit dem einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen bereits das ihm zumutbare Maß an Gegenleistung erfüllt, weshalb Scharon von den Palästinensern eine vollständige Erfüllung aller Forderungen verlangt, noch bevor Israel in substantielle Verhandlungen mit der Palästinensischen Autonomiebehörde eintritt. Scharon setzt darauf, dass Abbas das Kunststück nicht fertig bringt, sein Volk einschließlich der bewaffneten Milizen dazu zu bringen, den Widerstand gegen die Besatzungsmacht aufzugeben; also daran scheitert, Menschen in unerträglichen Lebensbedingungen von der Chance auf eine entscheidende Verbesserung zu überzeugen, ohne die geringsten Anzeichen eines israelischen Entgegenkommens vorweisen zu können. Das Scheitern von Abbas würde dann das Argument liefern, mit dem die USA endlich zur Übernahme der israelischen Position zu bewegen wären, dass eine Demokratisierung der Palästinenser nicht machbar ist. Wenn die USA schon darauf bestehen, dass die Palästinenser eine Heimstatt neben Israel erhalten, dann soll die keinesfalls mehr werden als ein vom jüdischen Staat total kontrolliertes und abhängiges Homeland in möglichst engen Grenzen.

Obwohl die Disengagement-Politik Scharons also mitnichten ein „Verzichtsprogramm“ ist, wirft ihm eine sehr starke Minderheit der Israelis gerade das vor. Wegen des Rückzugs ist Dauerkrise im Kabinett, und der Likud-Partei droht die Spaltung. Hunderttausende demonstrierten und schmähten ihren Ministerpräsidenten als „Verräter“ und „Nazi“. Scharons Schritt spaltet die Nation, weil er im Widerspruch zur jahrzehntelang gepflegten Staatsräson Israels steht, nach der es ein Sakrileg ist, jüdischen Boden aufzugeben. Auch wenn Scharon persönlich sein „tiefstes Bedauern“ ausdrückt und auf die „Veränderung der Realität“ hinweist – gegen die Ideologie vom „auserwählten Volk“ und „dem Land der Väter“ ist damit nicht anzukommen. Sein Pragmatismus, sich dem Druck der USA erst einmal zu beugen, um sich ihre Unterstützung zu erhalten, Erfolge sicherzustellen, um damit günstigere Voraussetzungen für die Erreichung des eigentlichen Ziels zu schaffen, ist für zionistische Fundamentalisten einfach unerträglich.

Die massive Opposition gegen den Rückzug ist für Scharon allerdings auch sehr funktional. Sie liefert der Weltöffentlichkeit und insbesondere den USA den anschaulichen Beweis, dass die israelische Regierung mit der Aufgabe des Gazastreifens an die äußerste Grenze dessen gegangen ist, was Israel mit seinen auf Bibel und Holocaust gegründeten, also moralisch unwidersprechlichen territorialen Besitzansprüchen, zuzumuten ist.

Kurzfassung des 1. Teils von:

Fortschritte des US-Antiterrorkriegs im Nahen Osten
In: GegenStandpunkt 3-05

Der GegenStandpunkt 3-05 ist am 16. September 2005 erschienen und ist direkt beim Verlag oder im Zeitschriftenhandel (ISSN 0941-5831) erhältlich.

10.10.05

Schuldenerlass für die 3. Welt, Kampf gegen Armut und Korruption als "Millenniumsziel"

Vortrag aus Bremen vom 06.10.2005

Der Imperialismus gibt sich menschlich: Halb Afrika wird Almosen-Protektorat

Downloads:

Gliederung:

  • Die Schuldnernationen: Warum bei rohstoffreichen Ländern nur die Schulden wachsen
  • Die Gläubigernationen: Von der Umschuldung zum Schuldenerlass
  • Armutsbekämpfung als neues Staatsprogramm: Entwicklung endgültig abgeschrieben
  • Kampf gegen die Korruption: neue Formen der Aufsicht für Armutsprotektorate - Diskussion

Literaturhinweise:

UNO-Konferenz zur "Entwicklungsfinanzierung" in Monterrey/Mexiko:Die "erste" Welt beschenkt die Staaten der "dritten" mit einer Perspektive als schuldenfreie Armutsverwalter in GegenStandpunkt 2-2002

Der G7-Gipfel von Okinawa - Entwicklungsperspektive für die Dritte Welt heute:
Armenhaus mit Internetanschluss in GegenStandpunkt 3-2000

Schuldenerlaß für "hochverschuldete arme Länder" auf dem Kölner G7-Gipfel:
Der Imperialismus wird menschlich: Almosen-Protektorate für die "Ärmsten der Armen" in GegenStandpunkt 3-1999

"Marktwirtschaft und Demokratie" in Afrika:
Das ultimative Entwicklungsmodell des Imperialismus für seine afrikanischen Geschöpfe und die Folgen in GegenStandpunkt 3-1998

Eine Hinterlassenschaft von 40 Jahren Entwicklung und ihre imperialistische Betreuung:
Der Verfall der Dritten Welt in GegenStandpunkt 4-92


Die politische Vierteljahreszeitschrift GegenStandpunkt ist direkt beim Verlag oder im Buch- und Zeitschriftenhandel (ISSN 0941-5831) erhältlich.

06.10.05

Inflation der Wahrheit: Kapitalismus braucht Armut!

Artikel aus dem GegenStandpunkt 03/2005

Heute werden die Menschen mit ökonomischen Wahrheiten zugeschüttet, dass einem schlecht werden könnte. Die Frechheit, mit der Magazine und Features davon künden, dass die Wirtschaft nur funktionieren kann, wenn die Arbeitskräfte dem Hunger nahe sind, verrät nämlich vor allem eines: Die Autoren haben keine Scheu, eine Wahrheit auszuplaudern, die eigentlich das stärkste Argument gegen die famose freie Marktwirtschaft ist. Sie erläutern ihren Publikum fröhlich die Unverträglichkeit seiner Lebensbedürfnisse mit den Erfolgsbedingungen des Kapitalwachstums und geben sich dabei nicht die geringste Mühe, ihm zu erläutern, warum es sich vom Standpunkt seiner Interessen aus für dieses Wachstum begeistern und hergeben sollte. Die Volksbelehrungen argumentieren nicht für den Kapitalerfolg, sondern mit seinen Erfordernissen - und verlangen von ihren Adressanten, ohne weiteren guten Grund, diesen Erfordernissen die eigenen zu opfern. Die Autoren erinnern schlicht daran, dass der Normalbürger nun einmal vom Kapital abhängt und keine Wahl hat. Jedenfalls haben keine Sorge, dass er die Botschaft der Unvereinbarkeit einmal nicht als unwidersprechlichen Imperativ zum Zurückstecken, sondern als Auskunft über ein System verstehen könnte, das ein anständiges Leben für ihn weder vorsieht, noch verträgt.

Wirtschaftswunderrevier Osteuropa

Der Spiegel begeistert sich im Rahmen seiner Serie "Kapitalismus total global" (Nr.20, 14.5.05.) über die neuen "Kleinen Tiger" im Osten Europas. Dort, so finden die Autoren, passen Lebens- und Anspruchsniveau der Bevölkerung noch richtig gut zum Akkumulationsbedarf des Kapitals: Diese Welt ist in Ordnung.

"Ein unbändiger Wille, nachzuholen, was der Sozialismus ihnen vorenthielt, treibt die Menschen um. Aufbruch lautet das wirtschaftliche Credo. In den Beitrittsländern geben fulminante Wachstumsraten den Ton der Debatte an - ein bisweilen unter den Schmerzen radikaler Reformen von Arbeitsmarkt bis Gesundheitswesen geborener Erfolg. Die EU-Novizen brillieren durch Eifer und hungrigen Nachholbedarf.

Während in Deutschland knapp fünf Millionen Menschen Arbeit suchen und kein Tag vergeht, an dem Konzerne, Politiker und Gewerkschaften nicht über die Abwanderung von Unternehmen nach Osteuropa debattieren, entstehen dort, wo noch vor wenigen Jahren unrentable Planwirtschaften vor sich hinmurksten, Tag für Tag neue Jobs.

'Wir haben den Kommunismus abgeschafft, die Wirtschaft privatisiert und jetzt 6 Prozent Wachstum. Was sollen wir von euch noch lernen? Wir sind Spitze!'"

trumpft ein jugendlicher Finanzjongleur aus der Slowakei dem deutschen Reporter gegenüber auf. Der stellt voll Neid und Bewunderung das Vorhandensein jener gesunden Rahmenbedingungen fest, unter denen "Menschen" endlich tun, was sie schon immer wollten und im Sozialismus nicht durften: Nach Abschaffung der Planwirtschaft, die nicht auf Rendite zielte, also völlig unrentabel war, hat ein hartes Jahrzehnt wachsender Not dafür gesorgt, dass am Schluss "niemand mehr Besitzstände zu wahren hatte. Es gab nichts zu verlieren." Jetzt lassen sich die Völker widerstandslos einen "radikal-liberalen Wirtschaftskurs" verordnen, denn "Gewerkschaften, die sich dem scharfen Wind des Kapitalismus entgegenstemmen können, gibt es praktisch nicht." So sieht das Klima aus, in dem der Kapitalismus gedeiht: Wo im Unterschied zu den deutschen 10 % mehr als 20 0er Arbeitsbevölkerung arbeitslos sind, wo die glücklichen Arbeitsplatzbesitzer für 4 Euro die Stunde arbeiten, und immer noch doppelt so viel verdienen wie drei Jahre vorher, wo das Nationalprodukt pro Kopf zwischen einem Viertel und der Hälfte des deutschen liegt - da kommen traumhafte Renditen und Wachstumsraten zusammen.

Die Opfer des grandiosen Aufstiegs verschweigt der Spiegel selbstverständlich nicht. Sie sind der Aufwand für die "ersten Früchte", die die zupackenden Osteuropäer nun ernten. Interessant zu sehen, dass der Autor zu den Opfern noch nicht einmal die Leute zählt, die mit Billiglöhnen und langen Arbeitszeiten das Wachstum der Kapitalvermögen schaffen; die haben ja Arbeit! Als "Verlierer im großen Monopoly" lässt er nur Rentner gelten, die hungern, Kleinbauern, die in Blechhütten vegetieren, und Wanderarbeiter, die im Ausland die Drecksjobs erledigen. Der vorbildliche Aufschwung ihrer Vaterländer verlangt eben solche Opfer und rechtfertigt sie allemal.

Aber Vorsicht: Der Aufbruch ist ja großartig und der Zuspruch der Kapitalisten gibt den Osteuropäern mit ihrer wirtschaftsförderlichen Armut voll recht. Dennoch darf niemand den steilen Aufschwung der Geschäfte als Bedingung oder als zugestandenen Preis für einen nachfolgenden Aufschwung der Löhne und Einkommen missverstehen. Wo der Fehler gemacht wird, ein schönes Wirtschaftswachstum fürs Wohlergehen des niederen Volks zu missbrauchen, ist der Niedergang nicht mehr weit. Der ungarische Wirtschaftsminister János Kóka sieht den Standortvorteil seiner Tiger-Ökonomie schon wieder schwinden.

"Wir beobachten, dass Niedriglohnproduktionen vor allem nach Rumänien, aber auch in die Ukraine abwandern. Im einstigen Boomstädtchen Székesfehérvár kletterten die Arbeitslosenzahlen dramatisch in die Höhe, die fetten Jahre waren erst einmal vorbei."

"Fette Jahre"? Wer ist da fett geworden? In dem Städtchen hat für einige Zeit eine ausdrückliche Niedriglohnproduktion stattgefunden hat. Diesen Umstand rechnet der Spiegel den Bewohnern als Fettlebe, als unwahrscheinlichen Glücksfall und Höhepunkt ihrer proletarischen Existenz vor, nachdem das Kapital sie schon wieder ausgespuckt hat und in noch profitablere, noch elendere Reviere weitergezogen ist.

Antimodell Deutschland

Auch diese kranke Nation war einmal ein Wirtschaftswunderland, ruft uns Spiegel-Herausgeber Aust mit seinem ZDF-Dreiteiler "Der Fall Deutschland" in Erinnerung. Da lief alles prima, solange die Menschen nach dem Krieg für 50 Pfennige die Stunde und 48 Stunden die Woche arbeiteten, kaum je krank und im Alter anständig arm waren. Und dann hat schon der erste Kanzler des Wunderlandes die Idylle zerstört: Er erwies sich seiner Verantwortung nicht gewachsen und legte die Axt an die Wurzeln des deutschen Wohlstands, indem er die Rentner ein bisschen daran teilhaben ließ. Adenauer schuf eine dynamisierte Rente, die an die Lohnentwicklung gekoppelt wurde. Das konnte ja nicht gut gehen, - und man merkte es auch gleich 40 Jahre später. Mit seinem Sündenfall gab der Gründungskanzler den Nachfolgern ein schlechtes Beispiel: Allesamt haben sie dem Volk geliebedienert, unverantwortliche Wahlversprechen gemacht und - was das Schlimmste ist - auch noch gehalten. Jedenfalls nach Erkenntnissen des Autors. So haben sie den Staat geplündert und die Wirtschaft belastet - als ob es so schwer wäre einzusehen, dass von einem Wirtschaftswunder niemand sich etwas versprechen darf, als eben die Wirtschaft selbst. Alles andere macht das Wunder kaputt. Das hat der letzte, schlimmste Populismus noch einmal - Aust möchte sagen: abschließend - demonstriert. Jetzt versinken die einst blühenden kapitalistischen Landschaften endgültig in Agonie. Beim Anschluss der DDR wurde nämlich aus politischen Einheitsgründen die wirtschaftliche Vernunft in einem bis dahin nicht gekannten Ausmaß verraten. Anstatt das Kapital und seine Renditeansprüche darüber entscheiden zu lassen, was die ganze DDR samt Bevölkerung wert ist, hat der Kanzler der Einheit deren sozialistisches Falschgeld eins zu eins gegen die gute Westmark getauscht und dann auch noch eine schrittweise Angleichung der Löhne an das Westniveau in Aussicht gestellt. Die kapitalistischen Investoren, die dann ja doch nach ihren Maßstäben entscheiden, machen seit dem einen Bogen um die neue Ostzone und pauperisieren die ihnen angebotenen, unrentablen Massen nun erst recht.

"Dort (in Osteuropa) ist die Umstellung von der Plan- auf die Marktwirtschaft weit besser gelungen als in der ehemaligen DDR. Dank der Hilfe vom großen Bruder im Westen ist den neuen Bundesbürgern manches in den Schoß gefallen, was sich die Nachbarn hart erarbeiten mussten. Das ist den Ostdeutschen nicht gut bekommen." (Spiegel, Nr.20)

Merke: Wer den Bürgern irgendeine der Härten des Kapitalismus ersparen oder auch nur abmildern will, tut ihnen einen Bärendienst. Hätte man den wende-trunkenen Zonis doch gleich Lebensmittel- und Warenpreise auf westdeutschem und Löhne auf polnischem Niveau zugemutet, dann wäre heute vielleicht Frankfurt/Oder die bewunderte Boomtown und nicht die polnische Nachbarstadt - und die geilen Hungerlöhne würden in Deutschland verdient.

Auf so viel Vernunft mag Aust in diesem missratenen Gemeinwesen gar nicht mehr hoffen. Reihenweise lässt er in seiner TV-Abrechnung mit der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Politiker auftreten, die bekennen, in ihrer Regierungszeit unverzeihliche wirtschaftspolitische Fehler gemacht, nämlich Rücksicht auf die Opfer ihrer Politik geübt zu haben, und die gleichzeitig darauf bestehen, dass aus Gründen des inneren Friedens und ihrer Wiederwahl anderes gar nicht möglich gewesen wäre. Politiker, so die Botschaft, die sich immer wieder wählen lassen müssen und wollen, haben einfach nicht die Statur, zugunsten der Interessen der Nation mit der erforderlichen Konsequenz gegen die Interessen der Bevölkerung zu regieren. Letzten Endes verhindert die Demokratie die nötige Diktatur der Wirtschaftsinteressen. Aus lauter Fanatismus für den kapitalistischen Erfolg Deutschlands ergeht sich Aust in nationalem Masochismus, verachtet sein zu einem gesunden Kapitalismus unfähiges Vaterland und scheut sich nicht, die Demokratie als Quelle dieser Unfähigkeit auszumachen.

Die sichere Basis der Hetze: Eine Arbeiterschaft, die sich längst nach ihr richtet.

Die traurige Geschichte von der Vernunft des Kapitals, der nicht gefolgt wird, von den segensreichen Wirkungen der Armut, die man nicht zulässt, und die kontraproduktiven Wirkungen aller Versuche, sie abzumildern, sind die reine Wahrheit dann doch nicht. Die Spiegel-Leute machen dieselben deutschen Löhne und ihre sozialpolitischen Begleitumstände, für die Wachstumsschwäche des Standorts verantwortlich, die den Kapitalisten in früheren Jahren gerade recht waren. Kein Wunder, dass die politisch Verantwortlichen damals von der verhängnisvollen Fehlentwicklung nichts merkten. Jetzt erlauben sich Journalisten aus dem Rezept, das sie gegen die Krise des Wachstums angebracht finden - runter mit den Löhnen -, schnurstracks auf den Grund der krise zu schließen: Wenn sinkende Löhne dem Wachstum auf die Beine helfen sollen, dann müssen es wohl hohe Löhne abgewürgt haben. Ursachenforschung in dem Sinn ist das nicht. Aber soll man Leuten, die so freimütig und feindselig den Antagonismus von Kapital und Arbeit beschwören, noch Argumentationsfehler vorrechnen? Sie etwa daran erinnern welche guten Dienste das unmögliche Rentensystem über 50 Jahre dem deutschen Kapitalismus geleistet hat? Oder einwenden, dass das kranke Deutschland immer noch eine ökonomische und politische Weltmacht ist, das vorbildliche Polen aber ein armes Land?

Mit ihrem internationalen Vergleich von Arbeitslöhnen und Wachstumsraten stellen sie ohne weitere Beweisnöte klar, was in diesem Land gilt und was nicht: Die Armut hat gar kein Recht, der Reichtum jedes: Wenn der nicht genug wächst, waren die Armen zu anspruchsvoll. Diese Schuldzuweisung will nicht überzeugen, und sie würde scheitern, müsste sie überzeugen. In Artikeln und Sendungen geben sich die Spiegel-Autoren als isolierte Bußprediger, die gegen einen verkehrten Volksgeist wettern, und als Aufklärer, die sozialpolitische Illusionen zertrümmern müssen, dabei rufen sie mit ihren antisozialen Zeitdiagnosen in Wahrheit nur einen durchgesetzten, längst praktizierten Konsens im Land ab. Sie können sich darauf verlassen, dass ihr Fanatismus, demzufolge der Lohn gar nicht niedrig genug sein kann, nicht als Aufruf zur sozialen Revolution, sondern als Imperativ zum Verzicht verstanden wird.

Denn die Sicht der Dinge, für die sie Anerkennung gerade von den Opfern ihrer Verbesserungsvorschläge einfordern, hat eine solide Grundlage erstens in den materiellen Verhältnissen: Den Eigentümern der Kapitalvermögen ist das gesamte Produzieren im Land überantwortet. Von den Lohneinkommen über die Renten, die Verdienstmöglichkeiten für Handwerker und Händler bis hin zu den Steuern des Staates ist alles, was im Land läuft oder nicht läuft, abhängig gemacht vom Erfolg in Sachen Bereicherung dieser Minderheit. Leute, die durch Arbeit Geld verdienen müssen, müssen sich der Eigentümerklasse anbieten und darauf warten, ob die ihre Dienste zu Profit machen mag. Diese Sicht hat ihre zweite Grundlage darin, dass die Arbeiterklasse diese Abhängigkeit als Bedingung ihrer Existenz hinnimmt und damit zu leben sucht. Auf dieser Basis bietet sich ihr drittens eine Organisation zu Vertretung ihrer Interessen an, die ausdrücklich den Vorrang der Kapitalinteressen vor denen ihrer Klientel nicht nur als gegebene Lage, sondern als vernünftige Ordnung anerkennt und erst so dem Interesse des Kapitals an billiger Arbeit die Dignität eines über Interessen und Parteien stehenden Sachzwangs verleiht. Seitdem die Arbeitslosenzahlen steigen, vertreten die Gewerkschaften das Interesse ihrer Mitglieder, in dieser Abhängigkeit zu bestehen und Lohn zu verdienen, als Interesse an Beschäftigung. Damit "es" weitergeht und das Interesse der Unternehmer an der Benutzung ihrer Belegschaften erhalten bleibt, bieten sie Opfer an Lohn und Freizeit der Arbeiter an. Sie versuchen für ihre Klienten den Arbeitsplatz zu "kaufen", indem sie genau immer neue Stücke von dem drangeben, was die mit ihrer Arbeit zu erwerben gedenken, ja wofür sie überhaupt einen Arbeitsplatz haben wollen.

Die Tarifabschlüsse des Frühsommers stehen allesamt im Zeichen der "Sicherung von Arbeitplätzen" und kodifizieren Verschlechterungen für die Beschäftigten: Die Drucker "verteidigen erfolgreich die 35-Stunden-Woche", indem sie weitergehende Flexibilisierungen der Arbeitzeit anbieten, Urlaubstage, Freischichten für besondere Arbeitergruppen, Zuschläge für Nacht-, Schicht- und Wochenendarbeit, vor allem aber Lohn opfern. Sie vereinbaren für 24 Monate eine Lohnerhöhung von zwei Mal 1 % (ca. 1 Euro pro Tag), wobei das erste Prozent noch nicht einmal dem Lohn zugeschlagen, also in die Basis späterer Lohnsteigerungen eingerechnet, sondern als Sonderzahlung ausgeschüttet wird. "Gewerkschaft und Beschäftigte haben einen beachtlichen Preis für diesen Erfolg bezahlt: Der vereinbarte Lohnzuschlag gleicht nicht einmal die Teuerungsrate aus, Damit nicht genug: Viele Beschäftigte erhalten künftig weniger Zuschläge; werden also real weniger verdienen." (FR, 17.6.)

Das braucht beim Tarifvertrag in der Bauindustrie niemand mehr herauszuheben: Dort sinken die Mindestlöhne ganz offiziell um 1,7%, während die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich um eine Wochenstunde steigt. Die sonstigen Tariflöhne stagnieren bis April des nächsten Jahres und steigen dann um 1%. Das, so die Erfolgsmeldung der Bauindustrie, verbilligt die Arbeit um etwa 2,5 %. Zudem vereinbaren Gewerkschaften und Arbeitgeber eine Förderung der "ganzjährigen Beschäftigung" der Bauarbeiter. Die bisherige Kurzarbeit in den Wintermonaten, in denen nicht gebaut werden kann, ist nämlich den Arbeitgebern zu teuer geworden. Sie wollen ihren Anteil am vom Arbeitsamt finanzierten Schlechtwettergeld nicht mehr bezahlen und entlassen trotz dieser öffentlichen Subvention fast ein Drittel ihrer Belegschaften für ca. vier Monate im Jahr. Die sind dann auf Arbeitslosengeld angewiesen, fallen aber furchtbar schnell in die Elendskategorie ALG II, weil sie die Mindestzahl von 12 Monaten Vollbeschäftigung, die erforderlich ist, um ALG I bekommen zu können, nie erreichen. In Kraft "tritt nun eine für die Arbeitgeber günstigere Regelung der Kurzarbeit. Für sie entfällt der Arbeitgeberanteil der Sozialabgaben ... Getragen wird der künftig durch einen Topf, der durch eine neue Umlage gespeist wird. Die Arbeitgeber finanzieren ihn zu 60%, die Arbeitnehmer zu 40%." (FAZ, 22.6.)

Die IG Bergbau-Chemie-Energie hat dagegen für die Chemieindustrie einen auf den ersten Blick besseren Abschluss erzielt. Dort steigen die Löhne um 2,7 0n diesem Jahr und noch einmal um 1,2 0m nächsten. Die Lohnverluste durch Inflation sollten also in etwa ausgeglichen sein. "Die IG BCE gilt allerdings seit Jahren als Vorreiter der Tarifpolitik und hat in ihren Verträgen bereits zahlreiche Öffnungsklauseln und Rahmenregelungen für betriebliche Lösungen." (Handelblatt, 17.6.) Sie verschafft sich zahlenmäßige Erfolge, indem sie Tarifverträge abschließt, an die sich die Betriebe nur halten müssen, wenn sie wollen.


Der GegenStandpunkt 3-05 ist am 16. September 2005 erschienen und ist direkt beim Verlag oder im Zeitschriftenhandel (ISSN 0941-5831) erhältlich.

Iran - Aufsichtsobjekt der Großmächte

Neue Sendung von Radio X Frankfurt/Main (MP3, 24 MByte)

Quelle: Farbe Rot

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